Texte

Ein geschützter Raum

Nachdem mein Text letzte Woche in der Anthologie „An der Sonne“ des Vidal Verlags erschienen ist, darf ich ihn hier auch wieder veröffentlichen:

Sie steht auf dem Balkon ihrer Ferienwohnung und blickt zum Himmel, wo sich die ersten Wolken ansammeln, spürt, wie sich der warme Wind seinen Weg um ihren aufgeheizten und verschwitzten Körper bahnt und dabei über ihre feinen Härchen auf den Armen streift. Obwohl der Wind keine Abkühlung bringt, so bringt er doch eine kleine Linderung, indem er die stumme Nachricht des Kommenden mit sich trägt. Rauschend erzählt er von den Wolken und ihrer langen Reise, die sie müde und schlapp gemacht haben.

Von ihrem Platz an der Sonne aus beobachtet sie scheinbar unberührt die Wolken, die immer dichter und dunkler werden, schaut auf die Gräser und Bäume, die sich dem immer stärker tobenden Wind neigen, zuerst nur in eine Richtung, später in unvorhersehbarem Wechsel von allen Seiten. Sie wissen, dass es sich nicht lohnt, Widerstand zu leisten, und geben sachte nach, in der Hoffnung, dass der Sturm Erbarmen hat und ihr Nachgeben als Schutz ausreicht. Sie selbst hingegen will bis zum letzten Moment ausharren und die Erfrischung mit offenen Armen willkommen heissen.

Mittlerweile hat sich die Luft abgekühlt und ist vom heissen Schwirren übergegangen in ein kühles Fliessen. Bald wird sie die aufgestaute Feuchtigkeit des ganzen Tages abstossen, bald wird die Last zu schwer werden, bald werden sich die Wolken auswinden wie ein nasser Waschlappen.

Der Himmel ist schwarz geworden und sie kann weit entfernt schon die ersten Blitze sehen, hört bereits das dumpfe Grummeln, das erzählt von dem, was kommen wird, und auch der Wind überbringt seine Nachricht immer drängender.

Noch sind die ersten Tropfen nicht da, bis dahin will sie noch warten, bis dahin stemmt sie sich gegen den Sturm, der nun keine Lust mehr hat, sich den Weg um ihren Körper zu bahnen, er will nun keine Rücksicht mehr nehmen auf sie, die sich nicht beugt, die trotzig stehenbleibt. Und während die Blitze immer näher kommen, sich das Grummeln in ein wütendes Donnern verwandelt und die Gräser und Bäume sich immer weiter beugen, fühlt sie endlich die grossen, warmen Tropfen. Die Vorboten des tobenden, prasselnden Gewitterregens.

Jetzt weiss sie, dass sie nur noch kurz ausharren kann und streckt ihr Gesicht gegen den Himmel, schliesst die Augen, spürt die Tropfen und den Wind, der mittlerweile kalt geworden ist und ihr die Haare um das Gesicht peitscht. Nun aber los, denkt sie, und gerade noch rechtzeitig streckt sie ihre Hand nach dem rettenden Türgriff aus, huscht ins Innere und schafft es nur noch unter grosser Anstrengung, die Tür gegen den Widerstand des Sturmes zu schliessen.

Schon vorher hatte sie sich ein Handtuch bereit gelegt, mit dem sie sich jetzt das Gesicht abwischt und durch die Haare rubbelt. Wie erfrischt sie sich jetzt fühlt! Die ganze Hitze und ihre Müdigkeit haben sich von ihr gelöst, der Sturm hat alles mitgenommen, mit hinauf zu den Wolken, wo sich nun alles entlädt im Gewitterregen. Dem Regen, der jetzt zusammen mit dem Sturm wütet und gegen ihre Balkonverglasung schlägt, als ob er ihr folgen möchte, weil er es nicht akzeptieren kann, dass sie ihm entronnen ist.

Sie hingegen wusste von Anfang an, dass sie sich nicht beugen muss. Sie wusste von der Fluchtmöglichkeit in ihren geschützten Raum, wo ihr der Sturm nichts anhaben kann, obwohl sie immer noch mittendrin steht. Zufrieden blickt sie jetzt hinaus, beobachtet das Treiben des Gewitters, lauscht dem langsam ruhiger werdenden Prasseln des Regens gegen das Glas und fühlt sich so lebendig wie schon lange nicht mehr.

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Unmenschlich

Eine Träne fällt in’s Waschbecken und mischt sich unter den Wasserstrahl. Ihr ist schwer um’s Herz. Sehr schwer, um genau zu sein. Sie beisst die Zähne zusammen. „Funktionieren! Los, jetzt Zähneputzen und dann los, du bist viel zu spät dran, du musst funktionieren!“, schreit es in ihr.

Oder kam die Stimme nicht eher von irgendwo weit aus der Ferne?

Sie blickt auf und sieht sich im Spiegel. Da ist es, ihr Gesicht. „Los, sieh dich an!“. Sie schaut diesmal genau hin, sieht in ihre Augen, sieht in ihre Seele, weit hinein, tief und tiefer. Irgendwo muss er doch sein, der letzte Funke. Doch da ist nichts, kein Gefühl mehr. Sie ist taub, überall. Wie ein Diamant, denkt sie. Ein ganz seltener, einsamer Diamant.

Sie wünscht sich, sie hätte wirklich eine glatte, glitzernde Oberfläche. Unmenschlich und hart. Dann würde es ihr vielleicht nichts mehr ausmachen, dass jeder, der ihr zu nahe kommt, plötzlich erschrocken zurückweicht. Dann würde es möglicherweise an ihr abprallen, dass da keine Berührungspunkte mehr sind zwischen ihr und der Welt.

Sie hält ihre Hände unter den Wasserstrahl. Eiskalt ist er, genau das, was sie jetzt braucht. Die Kälte fühlt sich gut an, hoffentlich hilft sie gegen die geschwollenen Augen. So kann sie nicht unter die Leute. „Du musst!“, schreit es aus der Ferne.

Oder war die Stimme nicht eher irgendwo tief in ihr?

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Eine sichere Bank

Soll ich oder soll ich nicht? fragt er sich. Verunsichert blickt er in den Spiegel.

Wenn er sich doch nur sicher sein könnte. Das berühmte Jein, da ist es also wieder! Er wäre so viel einfacher, wenn er nur die Folgen abschätzen könnte. Obwohl – in Gedanken hat er ja alle Möglichkeiten schon durchgespielt, nur um jedes Mal erneut festzustellen, dass er jede davon gleich wünschenswert wie angsteinflössend findet. Er fixiert sein Spiegelbild. In seinen Augen kann er das Zögern erkennen und schämt sich dafür. Doch er weiss ganz genau, dass eine Entscheidung etwas in Gang setzen würde, das sich nicht mehr aufhalten liesse.

Er fühlt sich feige und mag sich nicht mehr sehen. Es ist einfach so schwer für ihn, sich aufs Glatteis zu wagen. Was er nämlich trotz aller Überlegungen nicht abschätzen kann, sind die Gefühle, die diese Folgeereignisse bei ihm auslösen würden. Und was würde er denn machen, wenn er danach merken würde, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte? Dann wäre es zu spät. Dann könnte er nicht einfach sagen: Stopp! Ich will das nun doch nicht, ich hätte lieber die andere Entscheidung getroffen, jetzt, wo ich weiss, wie sich diese Entscheidung anfühlt.

Und so entscheidet er sich wieder einmal für das Jein. Für das Zaudern. Zögern. Abwarten. Er weiss zwar, dass auch diese Entscheidung Folgen hat – ja, auch solche, die er nicht abschätzen kann – aber er bleibt immerhin gefühlsmässig auf bekanntem Boden. Immerhin weiss er, womit er zu rechnen hat. Und mittlerweile weiss er auch, dass er irgendwann wieder in den Spiegel blicken kann.

Ja, so ein Jein, das ist schon eine sichere Bank. Oder etwa nicht?

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Der Fotorahmen

Wie lange stand er jetzt schon da und blickte auf das Foto, das auf dem Kaminsims stand? Schöne Erinnerungen kamen in ihm hoch. Erinnerungen, die schon lange hinter ihm lagen, ihm aber am heutigen Tag vorkamen, als wäre es erst gestern gewesen.

Das Foto zeigte ihn, umgeben von seinen Liebsten, seiner Familie. Wie alt waren seine Söhne damals gewesen? Vielleicht so acht, neun Jahre alt? Ja, das würde wohl in etwa hinkommen. Sie hatten an dem Tag ihren zehnten Hochzeitstag gefeiert. An dem Tag war sein Leben perfekt gewesen. Und dieser perfekte Tag passte ebenso perfekt in den silbrigen Fotorahmen, der ihm noch den gebührenden Glanz gab.

Der Rahmen war edel und aus echtem Silber, kam aber ganz ohne Schnörkel aus. Es war genau die Art von Rahmen, der zu seinem Leben passte: Nicht zu breit (er hatte darauf geachtet, dass er dem Foto nicht zu viel Platz wegnahm, aber gerade noch so teuer aussah, damit er den Wert des Bildes repräsentieren konnte) und nicht zu gross (denn auch das war ihm wichtig gewesen, er sollte nicht zu protzig und angeberisch wirken, aber trotzdem so, dass das Bild jedem sofort auffiel, der das Zimmer betrat).

Genau deshalb polierte er den Rahmen auch nach all den Jahren noch jede Woche. Er wollte, dass nichts von dem Glanz verblasste. In diesem Punkt war er abergläubisch. Warum, wusste er selbst auch nicht genau, aber dennoch hatte er von Anfang an das Gefühl gehabt, dass dieser Rahmen sein perfektes Leben nicht nur umrahmte, sondern auch in gewisser Weise dafür verantwortlich war, dass sein Leben überhaupt so perfekt war und blieb.

Ja, genau so stellte er es sich vor. So könnte es vielleicht irgendwann mal sein, wenn er auf sein Leben zurückblickte. Er sollte den Fotorahmen wirklich kaufen, auch wenn er nicht gerade billig war. Das wäre zumindest mal ein Anfang.

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Camping

Camping.

Ein Wort.

Genauer gesagt: DAS eine Wort, mit dem er das Gefühl von Freiheit verband. Sobald er daran dachte, tauchten die Erinnerungen aus seiner Kindheit auf. Schöne Erinnerungen.

Ja, die Unbeschwertheit der vergangenen Tage. Lange war es her. Ob es sich auch heute immer noch so anfühlen würde wie damals? Er stellte sich gerne vor, dass es so wäre. Das war sein Traum. Wenn er einen Wunsch frei hätte, dann, dass er dieses Gefühl noch einmal erleben durfte.

Wie es war, wenn der warme Sommerregen gegen das Vorzelt des Wohnwagens prasselte, von dem aus er durch den Regen direkt auf das Seeufer sehen konnte. Er stellte sich dann vor, wie er seine Kleidung fein säuberlich auf dem weissen Plastikstuhl neben dem Tisch platzierte, auf dem er eben noch gesessen hatte, und wie er dann bereit stand vor dem Zeltausgang. Bereit, den Sprung zu wagen. Einfach hinauszurennen, geradeaus auf den See zu, wie er die grossen warmen Tropfen auf dem Körper spürte und wie er hineinrannte in das Wasser, das im Vergleich mit der bereits abgekühlten Luft geradezu lauwarm wirkte. Er stellte sich vor, wie lebendig er sich dabei fühlte, genauso wie damals als kleiner Junge, und wie er lauthals lachte, als ob das alles nie passiert wäre. Er würde rennen, bis es nicht mehr ging und er sich nur mit einem Kopfsprung davor retten konnte, dass er hinfiel und mit dem Bauch auf das Wasser klatschte. Ja, das wäre es: Einfach eintauchen, die Luft anhalten und sich mit aller Wucht wieder an die Wasseroberfläche stossen, auftauchen und nach Luft schnappen, während er sich das Wasser aus den Haaren schüttelte.

Wenn er dann zurückblicken würde zum Land, dorthin, wo der Wohnwagen stand, dann stellte er sich immer genau dieses Bild vor, das er jetzt vor sich hatte. Allerdings nicht real, sondern als Katalogbild aus einem Reisemagazin, das ihm die Schwester hier in der Reha einmal gebracht hatte. Es hatte ihm so gut gefallen, dass er sich das Bild herausgetrennt und so an die Zimmerwand gehängt hatte, dass er es immer im Blick hatte, wenn er im Bett lag.

Er wusste, was die Ärzte sagen würden, wenn er ihnen von seinem Traum erzählen würde. Deshalb behielt er ihn für sich. Sie dachten alle, dass er das Bild einfach schön fand, weil er Kindheitserinnerungen damit verband. Keiner wusste, dass es sein innerer Motor war, jeden Tag die ganze Prozedur über sich ergehen zu lassen, seine Motivation, nicht aufzugeben und immer weiterzumachen, bis er eines Tages sein Ziel erreicht hatte. Er wollte ein Teil des Bildes werden. Er wollte mit dem Bild verschmelzen, indem er den Platz des Fotografen einnehmen und ein imaginäres Foto schiessen würde – und zwar eines, das sich für immer in sein Gedächtnis brannte.

Camping.

Nicht einfach nur ein Wort.

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Vom Starten und Landen

Jeden Tag sass er da und blickte sehnsüchtig den startenden Flugzeugen nach. Von dem kleinen Dreckhügel aus konnte er alles beobachten, und mittlerweile kannte er jeden Handgriff, der vor dem Start nötig war. Wenn er so da sass, waren alle seine Sinne geschärft, er nahm alles auf und speicherte jedes Detail. Wie wunderbar sich so ein Flugzeug anhörte. Ja, er liebte den Klang der Triebwerke. Wenn sie angelassen wurden, machte sein Herz jedes Mal einen Sprung. Mit seinem ganzen Körper konnte er die Energie spüren und sog sie in sich auf. Wie gerne sässe er selbst in einem der Flugzeuge. Von seinem Hügel aus hatte er das Gefühl, sie waren nur eine Armlänge von ihm entfernt. Eine Handbewegung, und er könnte nach dem Flugzeug greifen. Es fühlte sich fast so an, als wäre die Freiheit zum Greifen nah. Bei jedem Start stellte er sich vor, wie es an einem anderen Ort wäre. Zum Beispiel an einem Ort, wo die Kinder in die Schule gehen und Fussball spielen konnten. Wie es sich wohl anfühlte, mit einem richtigen Ball auf grünem Gras spielen zu können? Bei dem Gedanken griffen seine Hände in den Dreck unter ihm und ballten sich zu einer Faust. Dabei grub sich die Erde unter seine Fingernägel, bis es wehtat. Das war ihm jetzt gerade recht. Der körperliche Schmerz verdrängte wenigstens seine mittlerweile zu gross gewordene Sehnsucht für einen kurzen Moment. Er wusste, dass es nun an der Zeit war, um wieder nach Hause zu gehen. Er hatte für heute genug Flugzeuge starten gesehen. Mit jedem Flugzeug hatte er einen seiner Wünsche mitgeschickt, so lange, bis keine mehr übrig waren. Bis seine Träume nicht mehr abhoben, sondern auf dem Boden der Tatsachen landeten. Er sah auf seine dreckigen kleinen Hände, an denen die rote, lehmige Erde klebte. Sie war das einzige, was für ihn wirklich greifbar war. Die Freiheit hingegen, die war wieder unendlich weit weg gerückt. Er stand auf, wischte sich die Hände kurz an seinen schmutzigen Hosen ab und machte sich auf den Weg. Ohne sich noch einmal umzublicken, lief er davon. Er wusste ja, dass er morgen wieder da sein würde – noch bevor sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten, aber die Farbe des Himmels schon erkennen liess, dass ein neuer Tag begann.

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Kaffeeklatsch

„Hallo, wie geht’s dir?“ „Ach frag nicht…“ „Warum, was ist denn los? Übrigens siehst du super aus! Tolle Bluse!” „Danke, die Bluse war ein Frustkauf, aber immerhin war sie im Sale.“ „Ah ja? Die Farbe steht dir wahnsinnig gut, die solltest du öfters tragen!“ „Ja? Ich war mir erst nicht sicher…“ „Doch, doch, das steht dir super! Was? Ah ja, ich nehme einen Cappuccino, und du?“ „Ach, ich weiss auch nicht, einfach einen Kaffee?“ „Wo waren wir? Ah ja, deine Bluse, die steht dir wirklich super!“ „Hmmm… wenigstens das…“ „Sowieso, ich beneide dich, du bist immer so gut angezogen! Wir müssen bald mal zusammen shoppen gehen!“ „Okay, vielleicht irgendwann mal…“ „Und warst du eigentlich beim Friseur? Du siehst irgendwie verändert aus!“ „Hmmm.“ „Du musst mir unbedingt sagen, wo du da immer hingehst? Ich bin einfach nie zufrieden mit meinen Haaren, aber deine, die sind toll! Der neue Kurzhaarschnitt steht dir auch so gut, sag mal, wie machst du das bloss?“ „Weiss nicht, ich fühle mich eigentlich nicht so…“ „Ach, jetzt tu doch nicht so, du weisst doch selbst, wie gut du aussiehst! Wenn ich deine Figur hätte…“ „Ich weiss…“ „Ja, also, dann spiel es nicht immer so runter!“ „Hmmm…“ „Jetzt sag doch endlich mal, was du hast! Du bist doch die ganze Zeit schon so komisch!“ „Ja, ich weiss auch gar nicht, wo ich anfangen soll. Also, ich war beim Hausarzt…“ „Oooooh, ja, das habe ich dir übrigens noch gar nicht erzählt! Mein Zahnarzt, du weisst schon, der, der so gut aussieht! Stell dir vor, ich glaube, der steht auf mich!“ „Hmmm.“ „Der sieht mich immer so an! Das bedeutet doch etwas, meinst du nicht?“ „Naja.“ „Ja klar, du bist wieder so pessimistisch. Du hast seinen Blick ja auch nicht gesehen! Wenn du den gesehen hättest!“ „Ja, sicher.“ „Seine Augen… die sind einfach ein Traum. So blau wie der Himmel! Natürlich darf er nichts machen oder so, schliesslich bin ich ja seine Patientin, aber man sieht richtig, wie er darunter leidet… sein Blick…!“ „Ja, ja.“ „Aber jetzt erzähl du mal, warum warst du beim Arzt?“ „Ja also, ich weiss gar nicht, wie ich das sagen soll…“ „Dann sag’s halt einfach!“ „Also… ich bin hingegangen, weil ich wollte, dass er sich meine Brüste mal genauer ansieht.“ „Was? Deine Brüste? An denen musst du doch nichts machen lassen! Die sind doch perfekt so! Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du spinnst? Deine Figur ist wirklich perfekt, und schau dich doch mal an, du bist bildhübsch! Du bist eine absolute Traumfrau! Was würde ich dafür geben, so auszusehen wie du! Du weisst doch gar nicht, was für ein Glück du hast. Ich hoffe, dein Arzt hat dir das auch gesagt? Wenn nicht, dann ist der also wirklich ein Vollidiot. Aber was will man schon erwarten, das ist ja auch nur ein Mann. Alle Männer sind Vollidioten! Jetzt sag doch was, das stimmt doch, oder?“ „Ja, alle Männer sind Vollidioten. Aber mein Arzt…“ „Weisst du noch, der Typ letzte Woche? Von dem ich zuerst noch gedacht hatte, dass der ehrlich an mir interessiert ist und nicht nur auf mein Aussehen achtet? Keinen Deut hat der sich für mich interessiert! Der wollte überhaupt nicht wissen, wie es mir geht, der hat mir alles nur vorgespielt, bis er mich im Bett hatte. Typisch! Wie konnte ich auch nur mal etwas Gutes von einem Mann denken?“ „Ja, wie auch?“ „Aber du lässt dir deine Brüste doch nicht wirklich machen, oder? Du hörst doch nicht auf so einen, oder?“ „Nein, das ist es nicht…“ „Ach du meine Güte! Bin ich froh, das hast du nämlich gar nicht nötig! Du weisst doch, was du für ein Glück hast, oder?“ „Hmmm…“ „Wenigstens halten wir Frauen immer zusammen, oder? Wir sind wenigstens immer füreinander da! Auf die Männer können wir verzichten, stimmt’s?“ „Hmmm. Du, ich muss jetzt gehen.“ „Was, schon? Schade!“ „Ja, tut mir leid. Das geht auf mich.“ „Das müssen wir aber unbedingt bald wiederholen!“ „Ja, ich muss einfach schauen, ob das geht, ich…“ „Ach du, jetzt tust du wieder so beschäftigt!“ „Ja, entschuldige, ich weiss wirklich nicht, ob…“ „Ja, ja, schon gut, melde dich einfach, ok?“ „Ja, ok… Ich hoffe wirklich, wir sehen uns wieder.“ „Ja sicher tun wir das! Was tust du auch so dramatisch!“ „Hmmm. Mach‘s gut, ok?“ „Ja klar! Bis bald!“

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In Gedanken verloren

In ihrem Kopf ratterte es ununterbrochen. Was passiert war, liess sie nicht mehr los, ihre Gefühle fuhren Achterbahn und sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Innerlich völlig aufgewühlt, aber äusserlich ruhig blickte sie mit leerem Blick aus dem Fenster und liess noch einmal alle Geschehnisse Revue passieren. Was hatte sie falsch gemacht? Und was wäre gewesen, wenn sie irgendetwas anders gemacht hätte? Eigentlich hatte der Tag damals gut angefangen. Jedenfalls nicht schlechter als irgendein anderer Tag. Und trotzdem ging sie alles noch einmal durch. Wo hatte der Fehler angefangen? War es, dass sie fünf Minuten länger geschlafen hatte? Wäre sonst alles anders verlaufen? Oder wenn sie nicht die rote Bluse angezogen hätte, in der sie sich sowieso nie so hundertprozentig wohl fühlte. Oder hatte sie etwas Falsches gesagt? Etwas Falsches gemacht? War sie zu jemand unfreundlich gewesen? Was wäre gewesen, wenn sie noch mit der freundlichen Nachbarin geredet hätte, statt einfach an ihr vorbeizulaufen? Wenn sie nur ein paar Minuten schneller oder langsamer gewesen wäre, dann wäre doch das alles nicht passiert, oder? Auf all diese Fragen gab es keine Antwort, das wusste sie. Trotzdem konnte sie nicht loslassen. Es war so schwer zu akzeptieren, weil sie es einfach nicht begreifen konnte. Wie konnte so etwas nur passieren? Und vor allem: Wie konnte ihr so etwas nur passieren? Ihr, die immer auf alles vorbereitet war, alle Situationen schon vorher in Gedanken durchspielte, damit sie nicht überrascht wurde. Sie wollte doch einfach nur vermeiden, dass sie nicht wusste, was sie machen sollte. Deshalb war es doch so wichtig, allen unangenehmen Überraschungen das Überraschungsmoment vorweg zu nehmen, damit sie nicht mehr ganz so unangenehm waren. Und jetzt? Jetzt fühlte sie sich einfach nur hilflos. Hilflos, weil sie nichts mehr ändern konnte und hilflos, weil sie wie gelähmt war und gleichzeitig wusste, dass sie eigentlich handeln müsste. Aber sie konnte nicht. Sie hatte sich in ihren eigenen Gedanken verloren und fand den Weg nicht mehr heraus. Und in der Zwischenzeit passierte das Leben. Ohne sie. Und in der Zwischenzeit passierten auch Fehler. Ganz ohne sie. Nur ihr Glück, das fand sie nicht. Weil sie nicht da war. Da draussen, im Leben.

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Was sie schon immer sagen wollte

Ich möchte das lieber ohne dich machen, was du willst ist mir egal, ich will keine Kompromisse eingehen, ich will nicht nett sein, ich will keine Rücksicht nehmen, du kannst nicht über mich bestimmen, mach das doch selbst, ich habe keine Lust alles für dich zu machen, ich habe kein Verständnis für dich, ich bin mir selbst am wichtigsten und schaue zuerst, dass es mir gut geht, ich bin stolz so wie ich zu sein, du kannst mich mal, wenn dir das nicht passt, ich kann es sowieso nicht verstehen, wenn man mich nicht mag, mir ist egal, was andere über mich denken, du kannst froh sein, dass du mich hast, du kannst auch mal etwas für mich machen, jetzt bin ich dran, ich war zuerst, und ich kann machen und sagen, was ich will, wenn du ein Problem hast, ist das nicht mein Problem, sowieso sind deine Probleme nicht meine Probleme, geh mir damit nicht auf die Nerven, das interessiert mich alles nicht.

All diese Leute, die solche Dinge sagen (oder auch nur denken), die mag sie nicht. Denen würde sie gerne mal die Meinung geigen. Doch das tut sie natürlich nicht. Denn so wie die, so ist sie bestimmt nicht.

Eigentlich.

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Die schwarzen Schuhe

Da stehen sie. Einfach so, da an der Strassenecke. Die Schuhe. Da, an der Wand, angelehnt. In der Schachtel. Schwarze Pumps. In einer weissen Schachtel. Warum nur? Das fragt sie sich schon die ganze Zeit. Sie kann sie genau sehen von ihrem Fenster aus, wie sie sich abheben, so ganz schwarz im Weiss der Schachtel. Drumherum nur das Dunkel der Nacht. Kein Mensch ist da, niemand, nichts. Da stehen sie, allein, fast wie ein Mahnmal. Aber wofür? Was macht das für einen Sinn? Sie überlegt sich verschiedene Szenarien. Wäre es möglich, dass sie dort vergessen wurden? Ja, vielleicht bei einem Umzug. Vielleicht hatte es jemand eilig. Aber warum hat dieser jemand dann alles andere mitgenommen und nur diese Schuhe vergessen? Möglicherweise gab es einen Streit. Möglicherweise ja gar nicht dort auf offener Strasse während des Umzugs, sondern bereits davor. Es könnte ja sein, dass sich ein Paar im Streit getrennt hat, und sie hat diese Schuhe in der Wohnung vergessen. Dann hat sie der Verlassene vielleicht einfach dort hingestellt. Weil sie so überstürzt los ist, und weil er sie noch liebt. Weil er es nicht über das Herz bringt, die Schuhe einfach wegzuwerfen, es aber zu sehr schmerzt, sie noch in der Wohnung zu haben. In der Hoffnung, sie kommt zurück. In der Hoffnung, sie sieht die Schuhe und versteht. Die schwarzen Pumps in der weissen Schachtel als Mahnmal für die Liebe. Mit Hoffnung beladen, dort abgestellt und einfach vergessen. Ob er sie auch schon vergessen hat? Läuft er nicht jeden Tag daran vorbei? Aber das ist doch grausam, denkt sie sich. Da muss man doch etwas tun, das hält doch niemand aus. Und so geht sie hinunter, rennt über die Strasse durch den Regen direkt auf die Schuhe zu. Es ist immer noch niemand zu sehen, und so beschliesst sie einfach, die Schuhe zu nehmen. Sie nimmt sie mit, und sie nimmt sich vor, sie in Ehren zu halten. Schliesslich sind sie ein Mahnmal für die Liebe. Plötzlich überkommt sie die Traurigkeit und unter die Tropfen des Regens mischen sich ihre Tränen. Sie weint um die Hoffnung, die in diesen Schuhen stecken. Langsam geht sie wieder zurück, und noch bevor sie wieder oben angekommen ist, kontrolliert sie, ob die Schuhe ihr passen. Genau ihre Grösse, das kann doch nicht sein, sie passen wie angegossen. Da stehen sie jetzt zusammen im dunklen Treppenhaus, die schwarzen Schuhe und sie. In der Hand hält sie die weisse Schachtel, die nass ist vom Regen und ihren Tränen. Und da fühlt sie plötzlich die Hoffnung in sich aufsteigen. Die Schachtel wird wieder trocknen, die Schuhe werden wieder laufen, und zusammen sind sie nicht mehr allein. Die Schuhe werden sie von jetzt an begleiten, und wer weiss, vielleicht findet sie ja darin endlich die Liebe.

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Der Wellness-Tag

Sie schliesst die Augen und geniesst das Sprudelbad. Sie spürt, wie sie entspannt, es ist ein angenehmes Gefühl, sich im Wasser nahezu schwerelos zu fühlen. Die leichte Vibration der Luftblasen auf ihrem Körper tut das ihrige dazu. Gleichzeitig steigt ihr der Rosenduft in die Nase, der von den Rosenblättern im Wasser noch verstärkt wird. Einfach nur wundervoll, diese Ruhe. Das hat sie sich schon lange gewünscht, ein Tag nur für sich allein, an dem sie einfach nur tun und lassen kann, worauf sie Lust hat. Es sich einfach gut gehen lassen, wenigstens einmal nur an sich denken. In ihrer gewohnten Umgebung fällt ihr das schwer, aber hier, an diesem wunderbaren Platz, ist es irgendwie ganz leicht. Das ganze Hotel mit dem riesigen Wellnessbereich ist so eingerichtet, dass man sich einfach nur wohl fühlen kann. „Ist das vielleicht Feng Shui?“, überlegt sie sich. Aber egal, das spielt gar keine Rolle, darüber muss sie sich hier zum Glück ja keine Gedanken machen. Sie atmet tief ein, und da ist er wieder, dieser himmlische Rosenduft.

„Und, wie findest du es?“ Plötzlich schreckt sie aus ihren Gedanken auf. Vor ihr steht ihr Mann. Er sieht sie erwartungsvoll an und hält ihr einen riesigen Strauss Rosen hin. Ein kurzer Blick auf die Karte und den Gutschein in ihrer Hand genügt, und die Gegenwart hat sie wieder. „Vielen Dank, das ist das perfekte Geschenk“, ruft sie freudig, „ein Wellness-Tag nur für mich allein!“ Er grinst: „Ich dachte mir, dass du das dringend nötig hast, so hart wie du in letzter Zeit gearbeitet hast. Und stell dir vor, das Beste ist, dass du gar nicht allein gehen musst! Ich komme auch mit, stell dir vor!“

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Die Zugfahrt

Auf dem Nachhauseweg im Zug blickte er aus dem Fenster und dachte noch einmal über das nach, was er gerade gehört hatte. Darüber, was Freiheit bedeutet. Es war ein sehr aufschlussreicher Vortrag gewesen, den er heute Abend besucht hatte. Eigentlich war er nicht einmal freiwillig hingegangen, auch wenn das Thema ihn natürlich interessierte. Aber er hatte damit gerechnet, dass es vor allem um die politische Dimension von Freiheit gehen würde. Dass er sich jetzt selbst so aufgewühlt fühlte, das hätte er nicht gedacht. Er war ganz ehrlich überrascht, denn eigentlich war er immer davon ausgegangen, dass er frei sei. Sollte das alles wirklich nicht stimmen? Ja, es erschütterte ihn zwar, dass der Redner darüber gesprochen hatte, wie unfrei die Demokratie doch eigentlich sei. Das war ihm bisher nie aufgefallen. Doch es stimmte, dachte er, wirklich frei sind wir alle nicht, bei all den Vorschriften und Regeln, die wir uns selbst auferlegen. Aber nun gut, das war nicht zu ändern. Nein, in seinen Grundfesten erschüttert hatte ihn etwas anderes. Es war die Frage nach der Freiheit von der eigenen Vergangenheit gewesen. Und er fragte sich nun, ob er wirklich so frei war, wie er immer gedacht hatte. Frei, weil er sich unabhängig fühlte, weil niemand auf ihn wartete, niemand Rechenschaft wollte für sein Tun, und er als moderner Single in der Stadt doch nun wirklich seine Freiheit genoss. Doch wenn er jetzt ehrlich war, dann wusste er, dass das nicht stimmte. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, aber er hatte einfach immer weitergemacht und sich treiben lassen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass genau das ihn unfrei machte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er liess sich von seiner Vergangenheit leiten! Er leitete sich gar nicht selbst. Seine Erfahrungen machten ihn unfrei für die Entscheidungen in der Zukunft. Er hatte sich nie darum bemüht, sich von seiner Vergangenheit zu befreien, schliesslich gehörte sie doch zu ihm. Oder war das nur eine Ausrede? Eine Ausrede, damit er sich nicht dem Unangenehmen stellen musste? Er merkte, wie es ihm die Kehle zuschnürte, wie der Schmerz zurückkam, den er so lange verdrängt hatte. Weil er sich aber hier zwischen all den fremden Leuten nicht von ihm überwältigen lassen wollte, durchsuchte er die Tasche nach einem Stift und kritzelte ein paar Worte auf die Rückseite des Abendprogrammes:

Schmerz

Vergessen,

verdrängt,

vorbei.

Und trotzdem

immer

mit dabei.

Es war das erste Mal, dass er so etwas aufschrieb. Unsicher las er noch einmal durch, was er notiert hatte. Dann hielt der Zug. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er schon da war. Schnell schnappte er sich mit der einen Hand seine Tasche, knüllte das Papier mit der anderen zusammen und warf es beim Rausgehen in den nächsten Mülleimer.

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Die Bank am See

Die Bank am See war ihr Lieblingsort. Auch heute nahm sie auf ihr Platz, obwohl die Bank schon besetzt war. Eine ältere Frau sass bereits da und schaute verträumt auf das Wasser. „Wissen Sie, wenn ich damals gedurft hätte, dann hätte ich gerne eine Ausbildung gemacht, aber das ging halt einfach nicht.“, sprach die Frau sie an. „Ja, das war damals noch anders.“, antwortete sie etwas unsicher. Die Frau fuhr fort: „Ich habe immer gerne gelernt, aber wenn ich zu gute Noten nach Hause gebracht habe, dann hat mein Vater gesagt, dass ich lieber mehr zuhause arbeiten soll, weil ein Mann sowieso keine eingebildete Frau will.“ Sie horchte auf und fragte: „Warum denn eingebildet?“ „Weil ich gerne Bücher gelesen habe. Früher hat man gesagt, dass das zu nichts nütze sei, die Zeit mit diesen Träumereien zu verschwenden.“ Nun war sie verwundert, denn Bücher waren für sie eigentlich immer nur etwas, was sie für die Schule lesen musste: „Und wovon haben Sie denn geträumt?“ Die Augen der Frau funkelten und sie lächelte kurz, als sie sagte: „Ich habe immer davon geträumt, Bibliothekarin zu werden. Das stelle ich mir wirklich schön vor, mit den Büchern zu arbeiten. Aber das ging halt einfach nicht. Ich durfte nur die Grundschule machen, danach musste ich Haushälterin lernen und arbeiten.“ Das war damals allerdings anders, dachte sie und erwiderte: „Meine Eltern wollten immer, dass ich studiere.“ „Darf ich fragen, was Sie arbeiten?“ „Ich habe als Juristin gearbeitet.“ Erstaunt sah die Frau sie an: „Und jetzt nicht mehr?“ „Nein, ich bin jetzt Mutter und Hausfrau. Meine Kinder sind die beiden da hinten auf dem Spielplatz.“, sagte sie stolz und blickte zufrieden auf den See hinaus, glücklich darüber, dass sie sich durchsetzen und ihren Traum verwirklichen konnte.

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Der Wendepunkt

Ich will mit aller Kraft hochspringen. Dafür meine ganze Energie sammeln und in den Sprung hineinlegen. Schwung holen, abspringen, hochsteigen. Höher und noch höher, bis ich nach der Sonne greifen kann. Dann: Der Moment in der Schwebe. Ich habe nun meine Grenze erreicht. Ich habe alles gegeben. Für diesen kurzen Moment kann ich die Schwerelosigkeit geniessen. Ich fühle mich frei und leicht – und spüre gleichzeitig, wie die Schwerkraft meinen Körper schon wieder erfasst hat. Dass sie mich zurückzieht. Noch nicht! Aber es ist schon zu spät. Doch das macht mir nichts aus, denn zum Glück habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, weich zu landen. Ich weiss mittlerweile, welche Kräfte dabei wirken und federe alles gekonnt ab. Ich lande unbeschadet auf dem Boden und weiss: Ich habe es geschafft. Ich bin glücklich, denn meine Seele schwebt noch.

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Die Sicht auf die Welt

Der Tag ist gekommen, heute ist es also soweit. Schon oft hat er alles durchgespielt und ist alle Möglichkeiten durchgegangen. Er ist zum Schluss gekommen, dass es schon klappen wird. Rein objektiv gesehen ist die Wahrscheinlichkeit eines Problems verschwindend klein. Also wird schon nichts passieren. Davon ist er jetzt überzeugt, ja er ist sich sogar ganz sicher, dass er das heute machen will. Schon jetzt, während er auf dem Weg zum Flugplatz ist, freut er sich darauf, die Welt von oben sehen zu können und dabei diese unendliche Freiheit zu spüren. Sein Magen kribbelt und es fällt ihm schwer, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Das muss die Vorfreude sein, gemischt natürlich auch mit ein wenig Nervosität, denkt er sich. Seine Gedanken drehen sich sowieso seit Tagen nur noch darum, wie er alles vorbereitet, alles genau so macht, wie er es gelernt hat, sich den Fallschirm umschnallt, alles doppelt und dreifach kontrolliert, alles immer wieder durchgeht, bis er sicher ist, dass wirklich alles in Ordnung ist. Wie er dann in das Flugzeug einsteigt, dieses Gefühl beim Starten, wie er zuerst noch versucht seine Nervosität zu unterdrücken, dann nur noch zu überspielen, nur um irgendwie vielleicht doch noch ein bisschen entspannt zu wirken. Mir ist ein bisschen übel, denkt er, aber das geht schon, das ist normal. Er sieht die anderen vor sich, einige sind ganz ruhig und in sich gekehrt, anderen geht es wohl ähnlich wie ihm. Aber es lohnt sich, sagt er sich, einmal überwinden und dann siehst du die Welt endlich so, wie sie ist, nämlich klein und unwichtig. Dann kannst du Abstand gewinnen zu allem, das Fliegen geniessen und abschalten. Abschalten davon, ständig die Blicke im Rücken und die Last auf den Schultern zu spüren. Denn dann spürst du nur noch den Wind im Rücken und die Riemen des Rucksacks auf den Schultern. Er denkt, das muss die pure Freiheit sein, und es wird bestimmt nichts schief gehen, wenn du da oben bist, wenn du es geschafft hast dich zu überwinden, dann geht es dir gut, dann bist du frei. Nur noch einmal kurz anhalten und etwas frische Luft schnappen, nur kurz. Ihm ist jetzt richtig schlecht, und plötzlich ist er sich nicht mehr sicher. Er hat nun Angst. Es kann eben doch Vieles schief gehen, denkt er sich. Subjektiv gesehen ist eben trotzdem alles anders. Vor allem, wenn ein Traum die Sicht auf die Welt verändern könnte.

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5 Minuten Freiheit

Der Wecker klingelt

Schlummertaste

Dösen

Blauer Himmel

Die Sonne scheint

Keine Termine

Frühstück auf dem Balkon

Die Wärme der Sonne im Gesicht

Den Liegestuhl holen

Ein eiskaltes Getränk

Sonnenbaden

Lesen

Dösen

Der Wecker klingelt wieder

Aufstehen

Ins Büro gehen

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(Und dazwischen: Ich)

Es gibt Situationen, in denen man sich (oder vielleicht besser: die anderen) am liebsten auf den Mond beamen (eher schiessen, und zwar so, dass es weh tut) würde. Man sitzt am Freitagabend (eigentlich gemütlich) im Zug und die (20-jährigen, enges T-Shirt mit V-Ausschnitt tragenden und möchtegern männlichen) Sitznachbarn unterhalten sich (lautstark) über ihre Aufreisserpläne an der mega angesagten Party, bei der der berühmte DJ aus Deutschland ein (natürlich, wie konnte ich auch nur etwas anderes denken!) superguter Kollege ist, den der eine nur anrufen muss und dann können sie in den VIP-Bereich (ja, man kann es erahnen, er probiert nicht einmal anzurufen, zeigt aber dem anderen, dass er die Nummer wirklich hat und sagt, der DJ hätte ihm das hundertpro versprochen, das wäre gar kein Problem) und wer weiss, vielleicht müssen sie heute Nacht ja gar nicht mit dem Zug zurück nach Zürich (wohin auch sonst?), sondern können wieder (aha!!!) bei einer der geilen Tussis übernachten, von denen es dort so viele gibt (es folgen zahlreiche Namen, um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen). Was ebenfalls folgt: Eine Unterhaltung über die eine Exfreundin (naja, man könnte über diese Definition sicherlich diskutieren), mit der beide was hatten – am gleichen Abend versteht sich, und zwar hat sie sich der eine (logischerweise) gekrallt, während der andere (sicher stundenlang) im Bad war, um sich für den Clubbesuch zu stylen, damit er dort die nächste(n?) abstauben kann (was aber auch aus einem anderen Grund nötig war, nämlich weil er (versteht sich eigentlich auch von selbst, also Entschuldigung für die Doppelklammer, aber die Situation ist langsam verwirrend) noch Sex mit seiner Exfreundin hatte, bevor sein Freund gekommen ist). Und plötzlich, gerade noch rechtzeitig (das heisst: kurz bevor ich die beiden zumindest verbal auf den Mond geschossen hätte), dämmert es mir: Die beiden sind doch nur dabei, ihren Traum zu teilen! Und ich bin irgendwie dazwischen geraten (ganz zufällig und fast wie Leonardo in Inception), obwohl ich in ihrem Traum nun wirklich nichts zu suchen habe (weil ich nicht mal im Traum eine der geilen Tussis bin, von denen sie ja wirklich frei sind zu träumen, auch wenn es sie in der Realität gar nicht gibt). (Ah ja, und noch eine Anmerkung zum Schluss für die ganz Spitzfindigen: die doppelte Referenz von „sie“ im letzten Nebensatz ist (natürlich, wie könnte man auch nur etwas anderes denken!) beabsichtigt).

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Spinnen

Ich sitze im Wartezimmer und beobachte eine Spinne – wie sie sich an ihrem Faden windet und dreht, hochzieht und wieder inne hält.

Während sie diese Worte schreibt, verschwindet die Spinne plötzlich in dem kleinen Spalt, der sich über die Wand zieht. Sie kann die Spinne nun nicht mehr sehen, was sie jedoch unweigerlich zur Frage führt, was so eine Spinne eigentlich in so einem Spalt macht. Doch kaum ist die Frage gestellt, taucht die Spinne wieder auf und krabbelt die Wand hinunter in ihre Richtung.

Sie löst sich von der Wand, hängt einen Moment lang an ihrem eigenen Faden in der Leere und find

„Was schreibst du denn da?“, fragt die Therapeutin. „Ach, nichts Wichtiges, ich spinne nur ein bisschen vor mich hin.“, sagt sie.

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Die Innenarchitektin

Es ist jedes Mal komisch für sie, das erste Mal über eine Schwelle zu gehen. Es ist die Schwelle zu einem neuen Reich, einem kleinen Universum, das sie ergründen muss, untersuchen und bis ins kleinste Detail in sich einsaugen. Damit etwas Neues entstehen kann, sie etwas anderes daraus machen kann, ohne es im Kern zu zerstören. Denn es muss zu ihnen gehören, zu diesen Leuten, die sie eigentlich nicht kennt und doch das Gefühl hat, ihnen vertraut zu sein. Die Einrichtung hat viel mit dem Charakter dieser Menschen zu tun, das darf sie nie vergessen. Das ist das Wichtigste überhaupt, denn sie dürfen sich nie fremd fühlen zu Hause, sonst hat sie ihren Job nicht gut gemacht. Und dass sie ihren Job gut macht, hat sich ausgezahlt, denn nach ein paar Jahren Anlaufzeit gehört sie nun zu denen, die Zimmer, Wohnungen und Häuser der Prominenz einrichten. Unglaublich, wie sich die Türen der unendlichen Möglichkeiten öffnen, wenn es keine Frage des Geldes ist. Der Job ist viel einfacher geworden seitdem, denn nun kann sie auf ihr Gefühl hören. Und ihr Gefühl täuscht sie nie. Dieses erste Mal, wenn sie über die Schwelle geht, das ist entscheidend. Fühlt sie die Wärme in der Einrichtung, den Möbeln, den Accessoires, dann lässt sie sich davon tragen. Spürt sie Kälte, saugt sie diese in sich auf, um sie wieder produzieren zu können. So ist das mit allem, was die Räume ausstrahlen. Genau das ist der Kern, um den es geht. Ein Zimmer, eine Wohnung, ein Haus – sie haben Seelen, die man erfassen muss, damit sie nicht verloren gehen. Nur wenn das gelingt, sind die Kunden auch zufrieden. Die Seele der Räume spiegelt die Seelen der Bewohner. Wer möchte schon Tag für Tag vor Augen haben, was er nicht ist? Nein, sie ist gut in ihrem Beruf, der dem einer Psychologin eigentlich sehr ähnelt. Nur wollen ihre Patienten nicht geheilt, sondern verschönert werden. Ihre Aufgabe ist es, zu bestätigen, nicht zu hinterfragen…

Das ist es, was eine Innenarchitektin macht, stellt sie sich vor, als sie nach einem langen Tag im Bus nach Hause fährt und gerade in einem Wohnmagazin blättert, das sie im Bus gefunden hat. Sie wünscht sich, sie wäre eine. Das muss unglaublich spannend und kreativ sein. Anders als das, was sie macht. Sie hat es satt. Sie stellt sich die Gesichter ihrer Patienten vor, wenn sie morgen den Aushang an ihrer Praxistür lesen: “Wegen Renovation geschlossen”, und lächelt.

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Das Publikum

Einmal in der Woche darf er wieder spielen. Spät am Abend zwar nur, doch immerhin hat er ein Klavier und einen Raum, wo er sitzen und sich in seiner Musik verlieren kann. Dass die Leute auf der Strasse ihn hören, stehen bleiben und andächtig lauschen, dass sie ihm trotz allem ein Publikum sind, das gefesselt ist von seinen Melodien, das alles bemerkt er nicht. Er ist in seiner eigenen Welt. Er weiss nichts von dem Publikum, das ihn nicht sieht, aber ihn hört und ergriffen ist. Er sieht ein anderes Publikum, wenn er den Saal betritt, und er spürt es in seinem Rücken, wenn er spielt. Er ist noch einmal auf der Bühne und er füllt noch einmal den ganzen Saal. Er erlebt noch einmal seinen Erfolg. Fühlt seinen Erfolg, fühlt die Musik, fühlt die Melodie und ist eins mit dem Klavier. Er spielt und spielt, vor ihm das Orchester und hinter ihm das Publikum, das toben wird, sobald er sein letztes Stück beendet hat. Wenn er spielt, ist alles still, es wird kaum geatmet, so gebannt hören sie ihm zu. Kein Räuspern, kein Husten, nichts, denn das, was das Publikum hier geboten bekommt, hat es so noch nie gehört. Es ist verzaubert von seiner Musik. Verzaubert von ihm. Er kann etwas, das niemand vor ihm konnte, seine Art zu spielen ist etwas Besonderes. Er ist ein Genie. War es jedenfalls. Doch auch wenn er vieles von seinem Können eingebüsst hat, etwas ist immer noch da. Deswegen darf er auch einmal pro Woche im Klaviergeschäft spielen. Das Publikum, das er jetzt hat, ist dessen potenzielle Kundschaft, und er ist die Werbung. Zum Glück weiss er davon nichts. Ihm ist es egal, wer ihm zuhört, denn seine Realität ist anders. Er merkt von all dem nichts. Für ihn ist nur wichtig, dass er jede Woche auf die Bühne kann, dass er zu seinen Konzerten kann. Ohne seine Konzerte kann er nicht leben. Er ist krank, doch es geht ihm besser, wenn er spielt. Das ist das Einzige, was zählt. Er lebt für die Musik, er lebt für das Publikum. Und er hört den Applaus – bis zum Schluss.

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Fernweh

Sie ist endlich da. Angekommen. In ihren Gedanken stellt sie sich das immer wieder vor. Jahrelang träumt sie schon davon zu reisen. In die Weite, die Welt, die Freiheit, in das Sein. Hier ist sie nicht richtig, nicht ganz. Auch wenn sie sich nicht unwohl fühlt, das alles, dieses Leben – das alles ist nicht wirklich das, was sie will. Hier kann sie nicht sein, wie sie sein will. Hier fühlt sie sich unvollkommen. Also träumt sie. Und immer, wenn sie an das Reisen denkt, denkt sie an die Farbe Grün. Aber nicht an grün wie das Gras, sondern an das Grün des Meeres, des Dschungels. Dieses Blaugrün, das nach Ferne duftet. Dann kann sie den Wind im Gesicht spüren. Sie kann fühlen, wie das wäre, und das Fernweh schmerzt in der Seele, ohne dass sie diesen Schmerz lindern könnte. Denn auch das Träumen, so schön wie es ist, vergrössert ihn nur. Sie weiss, sie muss weg, fort, um nach Hause zu finden. Ihr Zuhause, das liegt irgendwo in der Ferne, sie weiss nur nicht wo. Deswegen muss sie suchen, und suchen möchte sie auf der ganzen Welt. Egal wo, nur frei muss sie sein. Frei zu wählen, frei zu entscheiden, wo sie sein will – einfach nur sein, so wie sie ist. Sie vermisst sich selbst. Das ist es auch, weshalb sie einfach keine Geduld mehr hat. Wie lange soll sie denn noch warten? Es gibt immer tausend Gründe, nicht zu gehen. Rücksicht zu nehmen. Auf das Leben hier, auf die Familie, auf die Freunde, und vor allem auf das Geld. Doch lange kann sie das nicht mehr. Lange kann sie dieses Leben nicht mehr leben, eines, in dem das, was alle von ihr erwarten, wichtiger ist als sie selbst. Das Fernweh wird siegen. Sie kann sich nicht wehren. Auch wenn es ihr leid tut, sie muss einmal im Leben egoistisch sein, damit sie sein kann. Sein darf. Denn hier erlauben es ihr die Umstände nicht. Obwohl die Umstände gut wären. Sie ist talentiert, hat Erfolg. Nur sich selbst, das hat sie nicht. Um das zu finden, gibt es nur einen richtigen Weg: den falschen, jedenfalls für alle anderen. Es ist ihr egal. Denn wenn sie träumt, dann hat sie eine Ahnung davon, wie es sein wird. Sie kann das Gefühl erahnen, das in ihr ist, tief in ihr verborgen. Das Gefühl der Freiheit. Sie stellt sich vor, wie es ist, wenn sie den Regenwald sieht. Wenn sie in ihm badet. Wie es ist, wenn sie auf den Bergen der Welt steht, die Weite vor sich, die Frische des Windes in der Nase. Wie es ist, das Meer zu sehen, wie es ist, die Wellen zu spüren und das Salz zu schmecken. Wenn es nichts anderes mehr gibt, als sich frei zu fühlen. Es wird keine Worte dafür geben. Nur Tränen können ausdrücken, was sie fühlt. Tränen, die aus ihr herauskommen, tief aus ihr, und sie befreien, von einer Last, die sie kaum mehr tragen konnte. Zu lange hat sie gewartet, sie weiss es. Es macht sie fast kaputt, das Fernweh. Und doch, solange sie nicht gehen kann, ist es das Einzige, was sie hat. Es bringt sie zum Träumen. Irgendwann, hofft sie, kann sie damit aufhören. Solange muss sie den Schmerz ertragen. Was würde sie denn tun ohne Fernweh? Ohne etwas, das sie antreibt. Sie denkt sich, dann wäre sie wie alle anderen. Die, die mit der Masse schwimmen, im Alltagstrott versinken und nicht mehr herauskommen aus der Gesellschaft. Die einfach weitermachen. Sie weiss nicht, ob diese Leute glücklich sind. Aber sie weiss, dass die Freiheit sie glücklich macht. Es muss so sein. Sonst täte es nicht so weh. Sonst hätte sie es nicht, das Fernweh. Deshalb ist sie froh. Sie weiss: Der Schmerz ist die Ahnung vom Glück, das sie spürt, wenn sie endlich frei ist. Endlich frei sein kann. Endlich angekommen ist.

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7 Kommentare zu “Texte

  1. Klasse! Wunderschöne Texte! Respekt!

    • Jeanette sagt:

      Oh, ganz herzlichen Dank! Momentan ist meine kleine Schreibpause leider eher in einen grösseren Schreibpause-Dauerzustand ausgeartet… Aber umso aufbauender und motivierender ist deine positive Rückmeldung deshalb für mich – es soll nun wirklich bald weitergehen mit dem Schreiben! 🙂

      • Oh bitte … ich bin förmlich kleben geblieben und würde mich sehr freuen, weitere zu lesen! 🙂

      • Jeanette sagt:

        Wie schön 🙂 Darf ich denn gleich mal fragen, welcher dir am besten gefallen hat? Ich bin gerade dabei, einen Text daraus auszulesen, der zum Vorlesen geeignet wäre… Da ist es auch toll, mal eine völlig unvoreingenommene Meinung zu hören (lesen) 😉

  2. Der Fotorahmen hat mich am meisten berührt, der Kaffeeklatsch am meisten geärgert (in dem Sinne, als dass ich dachte, jetzt muss sie es doch endlich merken), Was sie schon immer sagen wollte finde ich klasse und nachvollziehbar, weil es so toll das Innen und Außen zeigt und der Wendepunkt lädt zum träumen ein. … Aber alle anderen Texte stehen diesen in nichts nach!

    • Jeanette sagt:

      Super, deine Rückmeldung hilft mir sehr! Der Fotorahmen wäre vor allem zum Vorlesen auch einer meiner Favoriten 🙂 Wohingegen der Kaffeeklatsch zum Lesen eher schwierig wäre. Danke sehr!

      • Ich würde auch den Fotorahmen nehmen. Der Kaffeeklatsch ist wirklich schwierig und eher für die Selbstlektüre … es muss sich ja im Kopf abspielen – obwohl, das muss es ja immer! 😉 Viel Erfolg!

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