Jonas

Um mal wieder ins Schreiben reinzukommen, habe ich etwas für mich „Neues“ probiert: Ich habe ich einige meiner älteren Texte umgeschrieben und auf Jonas angepasst. Für diejenigen, die Jonas noch nicht kennen: Hier findet ihr Infos zur Idee und auch die älteren Jonas-Texte.

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Ihre Tür steht immer offen

Gespannt wartet Anna darauf, dass etwas passiert. Sie wartet schon so lange, dass sie anfängt, in ihrem Haus herumzutigern, weil sie es nicht mehr schafft, einfach nur untätig herumzusitzen. Fieberhaft überlegt sie, warum Jonas nicht einfach zu ihr hereinkommt. Sie hat ihre Tür doch schon so lange für ihn geöffnet.

Und so setzt sie sich auch heute wie jeden Tag ans Fenster, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen und zu erkennen, ob er sich nun endlich dazu entschlossen hat, den ersten Schritt durch die Tür zu machen. Erst gestern stand Jonas einfach nur da und hat nichts gemacht. Nichts. Dabei muss er doch sehen, dass die Tür immer offen steht. Er sieht schliesslich auch, dass Anna da am Fenster sitzt und ihm zuwinkt, denkt sie. Jonas muss es ja sehen, denn jedes Mal winkt er grinsend zurück. Und trotzdem kommt er einfach nicht herein.

Jeden Tag auf’s Neue, wenn sie hinaussieht, hat Anna die Hoffnung, dass Jonas wenigstens ein bisschen näher gekommen ist. Doch meistens wird ihre Hoffnung enttäuscht. Es kann sogar sein, dass er gar nicht da ist oder sie ihn nur noch von ganz weit weg erkennen kann. Manchmal steht er zwar nahe bei ihr, hat ihr aber den Rücken zugewandt oder läuft schon wieder weg. Dabei kostet es Anna doch so viel Kraft, die Tür offen zu lassen.

Sie versteht das einfach nicht.

Was Anna nicht weiss: Jonas sieht nicht, dass sie in ihrem Glashaus sitzt und auf ihn wartet. Er sieht nicht, dass ihre Tür für ihn offen steht. Jonas sieht nur, dass sie nicht auf ihn zukommt, obwohl er sich doch immer wieder in ihrer Nähe aufhält. Er weiss sogar, dass Anna ihn sieht, denn sie winkt ihm ja immer wieder zu.

Er versteht das einfach nicht.

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Bis er fast platzte

Jonas sass da. Fühlte sich unwohl. Starrte vor sich hin. Um ihn herum wurde diskutiert und ihm war es peinlich. Jonas spürte, wie er unruhig wurde, und er wusste nicht, was schwerer auszuhalten war: Diese sinnlose Diskussion oder die Wut, die in ihm aufstieg und nicht aus ihm heraus konnte. Denn Jonas wusste genau, wenn er etwas sagen würde, wenn er seine Meinung kundtun würde, dann würde das alles nur noch schlimmer machen. Das würde die Diskussion nur noch mehr anheizen. Er hielt die Luft an.

Seinen Emotionen Luft zu machen, das war einfach keine Option. Wenn Jonas etwas um alles in der Welt vermeiden wollte, dann, dass noch länger als nötig diskutiert wurde. Warum konnten es die anderen ihm nicht einfach gleich tun? Warum mussten sie immer und immer wieder ein Argument an das andere reihen? Konnten nicht einfach alle mal ruhig sein? Spürten sie denn nicht, wie lächerlich das alles war? Wie lächerlich sie sich selber machten? Mit ihren verletzten Egos, die sie alle aufplusterten, bis sie fast platzten.

Wenn nicht gleich alle aufhören würden, dann wusste Jonas, dass er es nicht mehr aushalten würde. Jonas schloss die Augen und startete seinen verzweifelten Versuch, sich in Luft aufzulösen. Sein Kopf fühlte sich nun an wie ein riesengrosser Ballon, und alle um ihn herum reichten ihn weiter, pusteten immer mehr Luft hinein, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass bald keine Luft mehr reinpasste, weil sonst sein Kopf statt ihrer Egos platzen würde.

Da öffnete Jonas die Augen. Stand auf und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen und ohne sich umzublicken.

Er lief auf direktem Weg nach Hause. Schloss die Tür auf und warf seine Jacke auf den Boden. In der Küche angekommen öffnete Jonas die oberste Schulblade der Kommode und nahm einen der roten Ballone heraus, die seit der letzten Party dort lagen. Jonas trat hinaus auf den Balkon und fing an, ihn aufzublasen, erst zaghaft, doch dann immer vehementer, bis Jonas das Gefühl hatte, dass er beim nächsten Luftstoss platzen würde.

Er setzte den Ballon ein letztes Mal an seinen Mund und stellte sich ganz zuvorderst an das Balkongeländer. Ein letztes Mal noch holte Jonas Luft, bevor er den Ballon losliess. Dieser zischte los und flog mit einem furzenden Geräusch in lustigen Bewegungen durch die Luft. Jonas stand da, sah dem Ballon hinterher, pustete ihm noch einmal nach und lachte.

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Aus dem Rhytmus gefallen

Müde und benommen von der durchträumten Nacht sitzt Jonas am Frühstückstisch und fühlt sich total verloren. Irgendwie stecken ihm die Träume noch in den Knochen. Er fühlt sich schwer und es wird eine ganze Weile dauern, bis seine Knochen alle Traumbilder absorbiert haben und bereit sind, sich ihrer eigentlichen Bestimmung zu stellen und Jonas durch den Tag zu tragen. Einige Bilder sind noch da und doch schon weg, sie sind noch nicht ganz in den Knochen angekommen und blitzen wieder auf, aber in eine chronologische Reihenfolge lassen sie sich nicht mehr bringen.

Oder waren sie gar nie chronologisch? Jonas weiss es nicht. Über alles ist ein Schleier gelegt, sowohl über seine Träume wie auch über die Dinge um ihn herum. Er fühlt sich benebelt, hat Mühe sich zurechtzufinden. Alles kommt ihm so unwirklich vor, sogar die Zeit, der Jonas morgens immer hinterherhinkt. Das waren doch nur fünf Minuten, wieso ist schon eine Stunde vergangen? Er ist noch nicht bereit. Wie soll Jonas denn heute nur alles schaffen? Wie den Menschen begegnen, wie mit ihnen sprechen? Wie soll das gehen, wenn er sich so fehl am Platz fühlt?

Auch das weiss Jonas nicht, und auch nicht, wie es dann doch passiert, dass er irgendwann dasteht, bereit, aus der Tür zu treten und in die Schule zu gehen. Auch wenn es manchmal lange dauert, aber an den allermeisten Tagen schafft er es, den Weg vom Traum zurück ins Leben zu finden. Und in seinem Leben gibt es dann nur noch den einen grossen Traum, der Jonas durch den Tag begleitet, bis er abends ins Bett fällt und sich jedes Mal aufs Neue vornimmt, dass ab morgen alles anders wird: Jonas träumt davon, wie es wäre, endlich problemlos in den Rhythmus der Gesellschaft zu passen und von Anfang an den Platz darin zu finden.

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Kennenlernen Teil 3

Wie wenn du

(wie ein Jäger)

geduldig gelauert

und gewartet hättest,

bis ich die schwere Tür

trotz aller Vorsicht

endlich

ein bisschen weiter öffne,

damit dein Geschoss

durch die Öffnung passt

und mich mitten hinein treffen kann

in mein Herz.

Und wie wenn ich

(wie ein scheues Reh)

mich ängstlich versteckt

und gewartet hätte,

bis ich mich

trotz aller Vorsicht

endlich

aus der Öffnung wage,

nur ein bisschen zu weit,

und dabei gnadenlos

von deinem Geschoss

verwundet werde.

Wie oft sich das wohl

wiederholen muss,

bis wir beide uns

irgendwann

auf dem offenen Feld

begegnen können?

Begegnen –

ganz ohne Schutz

und ohne Waffe

sondern einfach nur wir

mit zwei mutigen,

weit geöffneten Herzen.

Ihre Tür steht immer offen

Gespannt wartet Anna darauf, dass etwas passiert. Sie wartet schon so lange, dass sie anfängt, in ihrem Haus herumzutigern, weil sie es nicht mehr schafft, einfach nur untätig herumzusitzen. Fieberhaft überlegt sie, warum er nicht einfach zu ihr hereinkommt. Sie hat ihre Tür doch schon so lange für ihn geöffnet.

Und so setzt Anna sich auch heute wie jeden Tag ans Fenster, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen und zu erkennen, ob er sich nun endlich dazu entschlossen hat, den ersten Schritt durch die Tür zu machen.

Erst gestern stand er einfach nur da und hat nichts gemacht. Nichts. Dabei muss er doch sehen, dass die Tür offen steht. Er sieht schliesslich auch, dass sie da am Fenster sitzt und ihm zuwinkt, denkt Anna. Er muss es ja sehen, denn jedes Mal winkt er grinsend zurück. Und trotzdem kommt er einfach nicht herein.

Jeden Tag auf‘s Neue, wenn sie hinaussieht, hat Anna die Hoffnung, dass er wenigstens ein bisschen näher gekommen ist. Doch meistens wird ihre Hoffnung enttäuscht. Es kann sogar sein, dass er gar nicht da ist oder sie ihn nur noch von ganz weit weg erkennen kann. Manchmal steht er zwar nahe bei ihr, hat ihr aber den Rücken zugewandt oder läuft schon wieder weg. Sie versteht das einfach nicht.

Trotzdem klammert Anna sich an das Wissen, dass er irgendwo da draussen ist. Versteht er denn nicht, was das bedeutet? Dass sie ihre Tür Tag und Nacht für ihn geöffnet hat, obwohl sie doch so wahnsinnige Angst vor einem Einbrecher hat? Es kostet Anna wirklich viel Kraft, die Tür offen zu lassen. Aber weil sie weiss, dass er da ist, denkt Anna sich, egal wie lange es dauert, irgendwann wird er zu ihr hereinkommen und dann wird alles gut. Und bis dahin steht ihre Tür immer für ihn offen.

Was Anna aber nicht weiss: Er sieht nicht, dass sie in ihrem Glashaus sitzt und auf ihn wartet. Er sieht nicht, dass ihre Tür für ihn offen steht. Er sieht nur, dass sie nicht auf ihn zukommt, obwohl er sich doch immer wieder in ihrer Nähe aufhält. Er weiss sogar, dass Anna ihn sieht, denn sie winkt ihm ja immer wieder zu. Er versteht das einfach nicht.