Ein geschützter Raum

Nachdem mein Text letzte Woche in der Anthologie „An der Sonne“ des Vidal Verlags erschienen ist, darf ich ihn hier auch wieder veröffentlichen:

Sie steht auf dem Balkon ihrer Ferienwohnung und blickt zum Himmel, wo sich die ersten Wolken ansammeln, spürt, wie sich der warme Wind seinen Weg um ihren aufgeheizten und verschwitzten Körper bahnt und dabei über ihre feinen Härchen auf den Armen streift. Obwohl der Wind keine Abkühlung bringt, so bringt er doch eine kleine Linderung, indem er die stumme Nachricht des Kommenden mit sich trägt. Rauschend erzählt er von den Wolken und ihrer langen Reise, die sie müde und schlapp gemacht haben.

 

Von ihrem Platz an der Sonne aus beobachtet sie scheinbar unberührt die Wolken, die immer dichter und dunkler werden, schaut auf die Gräser und Bäume, die sich dem immer stärker tobenden Wind neigen, zuerst nur in eine Richtung, später in unvorhersehbarem Wechsel von allen Seiten. Sie wissen, dass es sich nicht lohnt Widerstand zu leisten, und geben sachte nach, in der Hoffnung, dass der Sturm Erbarmen hat und ihr Nachgeben als Schutz ausreicht. Sie selbst hingegen will bis zum letzten Moment ausharren und die Erfrischung mit offenen Armen willkommen heissen.

 

Mittlerweile hat sich die Luft abgekühlt und ist vom heissen Schwirren übergegangen in ein kühles Fliessen. Bald wird sie die aufgestaute Feuchtigkeit des ganzen Tages abstossen, bald wird die Last zu schwer werden, bald werden sich die Wolken auswinden wie ein nasser Waschlappen.

 

Der Himmel ist schwarz geworden und sie kann weit entfernt schon die ersten Blitze sehen, hört bereits das dumpfe Grummeln, das erzählt von dem, was kommen wird, und auch der Wind überbringt seine Nachricht immer drängender.

 

Noch sind die ersten Tropfen nicht da, bis dahin will sie noch warten, bis dahin stemmt sie sich gegen den Sturm, der nun keine Lust mehr hat, sich den Weg um ihren Körper zu bahnen, er will nun keine Rücksicht mehr nehmen auf sie, die sich nicht beugt, die trotzig stehenbleibt. Und während die Blitze immer näher kommen, sich das Grummeln in ein wütendes Donnern verwandelt und die Gräser und Bäume sich immer weiter beugen, fühlt sie endlich die grossen, warmen Tropfen. Die Vorboten des tobenden, prasselnden Gewitterregens.

 

Jetzt weiss sie, dass sie nur noch kurz ausharren kann und streckt ihr Gesicht gegen den Himmel, schliesst die Augen, spürt die Tropfen und den Wind, der mittlerweile kalt geworden ist und ihr die Haare um das Gesicht peitscht. Nun aber los, denkt sie, und gerade noch rechtzeitig streckt sie ihre Hand nach dem rettenden Türgriff aus, huscht ins Innere und schafft es nur noch unter grosser Anstrengung, die Tür gegen den Widerstand des Sturmes zu schliessen.

 

Schon vorher hatte sie sich ein Handtuch bereit gelegt, mit dem sie sich jetzt das Gesicht abwischt und durch die Haare rubbelt. Wie erfrischt sie sich jetzt fühlt! Die ganze Hitze und ihre Müdigkeit haben sich von ihr gelöst, der Sturm hat alles mitgenommen, mit hinauf zu den Wolken, wo sich nun alles entlädt im Gewitterregen. Dem Regen, der jetzt zusammen mit dem Sturm wütet und gegen ihre Balkonverglasung schlägt, als ob er ihr folgen möchte, weil er es nicht akzeptieren kann, dass sie ihm entronnen ist.

 

Sie hingegen wusste von Anfang an, dass sie sich nicht beugen muss. Sie wusste von der Fluchtmöglichkeit in ihren geschützten Raum, wo ihr der Sturm nichts anhaben kann, obwohl sie immer noch mittendrin steht. Zufrieden blickt sie jetzt hinaus, beobachtet das Treiben des Gewitters, lauscht dem langsam ruhiger werdenden Prasseln des Regens gegen das Glas und fühlt sich so lebendig wie schon lange nicht mehr.

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Unmenschlich

Eine Träne fällt in’s Waschbecken und mischt sich unter den Wasserstrahl. Ihr ist schwer um’s Herz. Sehr schwer, um genau zu sein. Sie beisst die Zähne zusammen. „Funktionieren! Los, jetzt Zähneputzen und dann los, du bist viel zu spät dran, du musst funktionieren!“, schreit es in ihr.

Oder kam die Stimme nicht eher von irgendwo weit aus der Ferne?

Sie blickt auf und sieht sich im Spiegel. Da ist es, ihr Gesicht. „Los, sieh dich an!“. Sie schaut diesmal genau hin, sieht in ihre Augen, sieht in ihre Seele, weit hinein, tief und tiefer. Irgendwo muss er doch sein, der letzte Funke. Doch da ist nichts, kein Gefühl mehr. Sie ist taub, überall. Wie ein Diamant, denkt sie. Ein ganz seltener, einsamer Diamant.

Sie wünscht sich, sie hätte wirklich eine glatte, glitzernde Oberfläche. Unmenschlich und hart. Dann würde es ihr vielleicht nichts mehr ausmachen, dass jeder, der ihr zu nahe kommt, plötzlich erschrocken zurückweicht. Dann würde es möglicherweise an ihr abprallen, dass da keine Berührungspunkte mehr sind zwischen ihr und der Welt.

Sie hält ihre Hände unter den Wasserstrahl. Eiskalt ist er, genau das, was sie jetzt braucht. Die Kälte fühlt sich gut an, hoffentlich hilft sie gegen die geschwollenen Augen. So kann sie nicht unter die Leute. „Du musst!“, schreit es aus der Ferne.

Oder war die Stimme nicht eher irgendwo tief in ihr?

Jonas

Um mal wieder ins Schreiben reinzukommen, habe ich etwas für mich „Neues“ probiert: Ich habe ich einige meiner älteren Texte umgeschrieben und auf Jonas angepasst. Für diejenigen, die Jonas noch nicht kennen: Hier findet ihr Infos zur Idee und auch die älteren Jonas-Texte.

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Ihre Tür steht immer offen

Gespannt wartet Anna darauf, dass etwas passiert. Sie wartet schon so lange, dass sie anfängt, in ihrem Haus herumzutigern, weil sie es nicht mehr schafft, einfach nur untätig herumzusitzen. Fieberhaft überlegt sie, warum Jonas nicht einfach zu ihr hereinkommt. Sie hat ihre Tür doch schon so lange für ihn geöffnet.

Und so setzt sie sich auch heute wie jeden Tag ans Fenster, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen und zu erkennen, ob er sich nun endlich dazu entschlossen hat, den ersten Schritt durch die Tür zu machen. Erst gestern stand Jonas einfach nur da und hat nichts gemacht. Nichts. Dabei muss er doch sehen, dass die Tür immer offen steht. Er sieht schliesslich auch, dass Anna da am Fenster sitzt und ihm zuwinkt, denkt sie. Jonas muss es ja sehen, denn jedes Mal winkt er grinsend zurück. Und trotzdem kommt er einfach nicht herein.

Jeden Tag auf’s Neue, wenn sie hinaussieht, hat Anna die Hoffnung, dass Jonas wenigstens ein bisschen näher gekommen ist. Doch meistens wird ihre Hoffnung enttäuscht. Es kann sogar sein, dass er gar nicht da ist oder sie ihn nur noch von ganz weit weg erkennen kann. Manchmal steht er zwar nahe bei ihr, hat ihr aber den Rücken zugewandt oder läuft schon wieder weg. Dabei kostet es Anna doch so viel Kraft, die Tür offen zu lassen.

Sie versteht das einfach nicht.

Was Anna nicht weiss: Jonas sieht nicht, dass sie in ihrem Glashaus sitzt und auf ihn wartet. Er sieht nicht, dass ihre Tür für ihn offen steht. Jonas sieht nur, dass sie nicht auf ihn zukommt, obwohl er sich doch immer wieder in ihrer Nähe aufhält. Er weiss sogar, dass Anna ihn sieht, denn sie winkt ihm ja immer wieder zu.

Er versteht das einfach nicht.

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Bis er fast platzte

Jonas sass da. Fühlte sich unwohl. Starrte vor sich hin. Um ihn herum wurde diskutiert und ihm war es peinlich. Jonas spürte, wie er unruhig wurde, und er wusste nicht, was schwerer auszuhalten war: Diese sinnlose Diskussion oder die Wut, die in ihm aufstieg und nicht aus ihm heraus konnte. Denn Jonas wusste genau, wenn er etwas sagen würde, wenn er seine Meinung kundtun würde, dann würde das alles nur noch schlimmer machen. Das würde die Diskussion nur noch mehr anheizen. Er hielt die Luft an.

Seinen Emotionen Luft zu machen, das war einfach keine Option. Wenn Jonas etwas um alles in der Welt vermeiden wollte, dann, dass noch länger als nötig diskutiert wurde. Warum konnten es die anderen ihm nicht einfach gleich tun? Warum mussten sie immer und immer wieder ein Argument an das andere reihen? Konnten nicht einfach alle mal ruhig sein? Spürten sie denn nicht, wie lächerlich das alles war? Wie lächerlich sie sich selber machten? Mit ihren verletzten Egos, die sie alle aufplusterten, bis sie fast platzten.

Wenn nicht gleich alle aufhören würden, dann wusste Jonas, dass er es nicht mehr aushalten würde. Jonas schloss die Augen und startete seinen verzweifelten Versuch, sich in Luft aufzulösen. Sein Kopf fühlte sich nun an wie ein riesengrosser Ballon, und alle um ihn herum reichten ihn weiter, pusteten immer mehr Luft hinein, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass bald keine Luft mehr reinpasste, weil sonst sein Kopf statt ihrer Egos platzen würde.

Da öffnete Jonas die Augen. Stand auf und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen und ohne sich umzublicken.

Er lief auf direktem Weg nach Hause. Schloss die Tür auf und warf seine Jacke auf den Boden. In der Küche angekommen öffnete Jonas die oberste Schulblade der Kommode und nahm einen der roten Ballone heraus, die seit der letzten Party dort lagen. Jonas trat hinaus auf den Balkon und fing an, ihn aufzublasen, erst zaghaft, doch dann immer vehementer, bis Jonas das Gefühl hatte, dass er beim nächsten Luftstoss platzen würde.

Er setzte den Ballon ein letztes Mal an seinen Mund und stellte sich ganz zuvorderst an das Balkongeländer. Ein letztes Mal noch holte Jonas Luft, bevor er den Ballon losliess. Dieser zischte los und flog mit einem furzenden Geräusch in lustigen Bewegungen durch die Luft. Jonas stand da, sah dem Ballon hinterher, pustete ihm noch einmal nach und lachte.

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Aus dem Rhytmus gefallen

Müde und benommen von der durchträumten Nacht sitzt Jonas am Frühstückstisch und fühlt sich total verloren. Irgendwie stecken ihm die Träume noch in den Knochen. Er fühlt sich schwer und es wird eine ganze Weile dauern, bis seine Knochen alle Traumbilder absorbiert haben und bereit sind, sich ihrer eigentlichen Bestimmung zu stellen und Jonas durch den Tag zu tragen. Einige Bilder sind noch da und doch schon weg, sie sind noch nicht ganz in den Knochen angekommen und blitzen wieder auf, aber in eine chronologische Reihenfolge lassen sie sich nicht mehr bringen.

Oder waren sie gar nie chronologisch? Jonas weiss es nicht. Über alles ist ein Schleier gelegt, sowohl über seine Träume wie auch über die Dinge um ihn herum. Er fühlt sich benebelt, hat Mühe sich zurechtzufinden. Alles kommt ihm so unwirklich vor, sogar die Zeit, der Jonas morgens immer hinterherhinkt. Das waren doch nur fünf Minuten, wieso ist schon eine Stunde vergangen? Er ist noch nicht bereit. Wie soll Jonas denn heute nur alles schaffen? Wie den Menschen begegnen, wie mit ihnen sprechen? Wie soll das gehen, wenn er sich so fehl am Platz fühlt?

Auch das weiss Jonas nicht, und auch nicht, wie es dann doch passiert, dass er irgendwann dasteht, bereit, aus der Tür zu treten und in die Schule zu gehen. Auch wenn es manchmal lange dauert, aber an den allermeisten Tagen schafft er es, den Weg vom Traum zurück ins Leben zu finden. Und in seinem Leben gibt es dann nur noch den einen grossen Traum, der Jonas durch den Tag begleitet, bis er abends ins Bett fällt und sich jedes Mal aufs Neue vornimmt, dass ab morgen alles anders wird: Jonas träumt davon, wie es wäre, endlich problemlos in den Rhythmus der Gesellschaft zu passen und von Anfang an den Platz darin zu finden.

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Ihre Tür steht immer offen

Gespannt wartet Anna darauf, dass etwas passiert. Sie wartet schon so lange, dass sie anfängt, in ihrem Haus herumzutigern, weil sie es nicht mehr schafft, einfach nur untätig herumzusitzen. Fieberhaft überlegt sie, warum er nicht einfach zu ihr hereinkommt. Sie hat ihre Tür doch schon so lange für ihn geöffnet.

Und so setzt Anna sich auch heute wie jeden Tag ans Fenster, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen und zu erkennen, ob er sich nun endlich dazu entschlossen hat, den ersten Schritt durch die Tür zu machen.

Erst gestern stand er einfach nur da und hat nichts gemacht. Nichts. Dabei muss er doch sehen, dass die Tür offen steht. Er sieht schliesslich auch, dass sie da am Fenster sitzt und ihm zuwinkt, denkt Anna. Er muss es ja sehen, denn jedes Mal winkt er grinsend zurück. Und trotzdem kommt er einfach nicht herein.

Jeden Tag auf‘s Neue, wenn sie hinaussieht, hat Anna die Hoffnung, dass er wenigstens ein bisschen näher gekommen ist. Doch meistens wird ihre Hoffnung enttäuscht. Es kann sogar sein, dass er gar nicht da ist oder sie ihn nur noch von ganz weit weg erkennen kann. Manchmal steht er zwar nahe bei ihr, hat ihr aber den Rücken zugewandt oder läuft schon wieder weg. Sie versteht das einfach nicht.

Trotzdem klammert Anna sich an das Wissen, dass er irgendwo da draussen ist. Versteht er denn nicht, was das bedeutet? Dass sie ihre Tür Tag und Nacht für ihn geöffnet hat, obwohl sie doch so wahnsinnige Angst vor einem Einbrecher hat? Es kostet Anna wirklich viel Kraft, die Tür offen zu lassen. Aber weil sie weiss, dass er da ist, denkt Anna sich, egal wie lange es dauert, irgendwann wird er zu ihr hereinkommen und dann wird alles gut. Und bis dahin steht ihre Tür immer für ihn offen.

Was Anna aber nicht weiss: Er sieht nicht, dass sie in ihrem Glashaus sitzt und auf ihn wartet. Er sieht nicht, dass ihre Tür für ihn offen steht. Er sieht nur, dass sie nicht auf ihn zukommt, obwohl er sich doch immer wieder in ihrer Nähe aufhält. Er weiss sogar, dass Anna ihn sieht, denn sie winkt ihm ja immer wieder zu. Er versteht das einfach nicht.

Gefangen

„Ich will hier raus!“, war das erste, was Jonas durch den Kopf ging, als er die Augen aufmachte. Panisch sah er sich um. Es war zwar dunkel um ihn herum, doch er konnte gerade noch erkennen, dass er von vier Wänden umgeben war. Es erschien ihm komisch, dass die Wände zwar keine Fenster hatten, dafür aber bei einer Wand an der oberen Kante durch einen dünnen Spalt ein wenig Licht in den sonst beklemmend niedrigen Raum eindrang. Die Decke war gerade mal so hoch, dass er sich halb aufrichten konnte, also robbte er gebückt auf dem Boden herum und versuchte so herauszufinden, wo er sich eigentlich befand.

„Wo um Himmels Willen bin ich hier gelandet?“, flüsterte Jonas in die staubige Dunkelheit. Mit seinen Händen fing er an, den Raum anzutasten. So, wie es schien, war hier alles aus Holz. Als Jonas das erkannt hatte, konnte er plötzlich auch den leicht modrigen Geruch einordnen, der wohl vom schon recht alten Holzboden stammte. Er wusste zwar nicht genau warum, aber er war sich fast sicher, dass vor ihm bereits viele andere in diesem Raum gewesen und genau wie er durch die Hölle gegangen waren.

In ihm herrschte jetzt eine Leere und Ohnmacht, wie er sie zuvor noch nie verspürt hatte. Am liebsten hätte er geheult, aber das würde ihn auch nicht weiterbringen. „Was habe ich denn getan? Warum bin ich hier drin? Wie komme ich hier wieder raus?“, fragte er sich immer und immer wieder. In seinem Kopf herrschte nun das absolute Chaos. Fragen über Fragen, doch auf keine einzige konnte er sich eine Antwort zusammenreimen. Er fühlte sich so hilflos!

Jonas wurde langsam wütend. Vor lauter Wut und Frust fing er nun an zu schreien und mit den Fäusten gegen den Boden zu hämmern. Plötzlich war da eine Stimme: „Hallo? Wer ist da?“ Jonas erschrak. „Hey!“, rief er, „Hey, ist da jemand? Kannst du mir helfen?“ Doch die Stimme sagte nur ganz traurig: „Nein, ich bin hier genauso gefangen wie du. Aber ich bin froh, wenigstens bin ich jetzt nicht mehr ganz alleine. Ich befinde mich direkt unter dir. Wenn du dich auf den Boden legst, dann musst du nicht mehr so laut schreien. Das kostet nur Energie.“ Langsam beruhige sich Jonas. Er legte sich ganz flach auf den Boden.

„Hallo! Ich bin Jonas. Und du?“ „Hallo Jonas, ich heisse Nina“ „Nina, du meine Güte, bin ich froh, dass jemand da ist! Wie lange bist du denn schon hier?“ Nina überlegte und antwortete dann unsicher: „Ach, ich weiss nicht. Schon lange. Ich habe mittlerweile gar kein Zeitgefühl mehr.“ In Ninas Stimme schwang leise Verzweiflung mit. Jonas hatte deshalb seine Hoffnung schon fast wieder aufgegeben, trotzdem wollte er einen Versuch wagen: „Hast du denn eine Ahnung, wo wir hier sind und wie wir hier wieder rauskommen?“

Auch diesmal brauchte Nina lange, bis sie antwortete: „Das einzige, was ich sicher weiss, ist, dass wir keine Hilfe erwarten können. Wenn du’s irgendwie schaffen willst, dann aus eigener Kraft. Und das ist echt schwer. Ich hab’s am Anfang wirklich versucht, aber ohne Erfolg. Langsam fehlt mir auch der Antrieb dazu. Aber vielleicht schaffe ich es ja jetzt, wo du auch da bist!“ Jonas zweifelte zwar daran, dass er ihr helfen konnte, doch das wollte er ihr nicht sagen.

„Hmmm, okay. Und wie genau kann ich mich denn selbst befreien?“, wollte er jetzt wissen. Doch nie hätte er mit der Antwort gerechnet, die Nina ihm nun gab: „Naja, also, du musst versuchen, den Spalt zu vergrössern, dort, wo das Licht reinkommt. Wenn du genug Kraft hast, dann kannst du irgendwann rausklettern. Aber du kannst dir ja vorstellen, wie schwer das ist. Es ist beinahe unmöglich, eine Schublade von innen zu öffnen. Vor allem, wenn du nicht mal weisst, warum du hier eigentlich reingesteckt wurdest.“

Durch alle Maschen gefallen

Wieder einmal sprach Jonas‘ Vater mit einem neuen Betreuer. Und einmal mehr hörte er die gleichen Erklärungen, die ihm aber nicht weiterhalfen. Es sei niemandes Schuld zum Beispiel, was wollten ihm alle damit sagen? Natürlich hatte jemand Schuld! Er hatte Schuld, sein Sohn hatte Schuld, dazu die Schule, die falschen Freunde, die Nachbarn, die sich das Maul zerrissen… Sicher verstand er auch, dass ihn das nicht weiterbrachte, aber es musste doch eine Erklärung dafür geben, warum es bei Jonas so weit gekommen war und bei allen anderen nicht, die doch zumindest am Anfang genau die gleichen Dinge gemacht hatten.

Und ja, er hörte den Betreuer laut und deutlich, als er sagte: „Jonas ist ein spezieller Fall, da sind wir machtlos. Jonas ist einfach durch alle Maschen gefallen, und zwar in einem so schnellen Tempo, dass keine Massnahme greifen konnte.“ Doch die Bedeutung dessen, was er eben gehört hatte, konnte er nicht erfassen. Sein Sohn war doch ein Mensch! Und Jonas war in der Folge davon genau wie jeder andere Mensch nicht so einfach gestrickt, dass man ihn mit einer Laufmasche in einem einfachen Strickmuster vergleichen konnte.

Oder hatte der Betreuer damit gemeint, dass das Strickmuster zu kompliziert geworden war? War das System bereits so verworren, dass die Löcher dazwischen gar nicht mehr zu erkennen waren? Doch auch das durfte doch einfach nicht sein! Warum wurde denn nichts dagegen gemacht? Es war doch nicht möglich, dass sich immer wieder Jugendliche wie sein Sohn in freiem Fall befanden und die einzige Erklärung war, dass es im System Löcher gab, durch die Jonas jedes Mal wieder hindurch- und noch tiefer fallen konnte.

Es fehlte nur noch, dass man dem Jungen vorwarf, dass er die Löcher nicht selbst flicken konnte, weil er keine Ahnung vom Stricken hatte. Ja, wäre es denn seine Aufgabe gewesen als Vater, seinem Sohn den Umgang mit den Stricknadeln beizubringen, nur weil die Schule den Stundenplan kürzen musste? Hätte er ihm das etwa zeigen sollen, er, der selbst nie stricken gelernt hatte, nur weil seine Frau zu dieser Zeit depressiv war und selbst genug Probleme mit sich hatte? Wie hätte er das denn machen sollen?

Und obwohl Jonas‘ Vater selbst keine Ahnung vom Stricken hatte und nicht wissen konnte, dass es genau wie in der Politik linke und rechte Maschen gab, wusste er trotzdem sehr genau: Weder von den einen noch von der anderen politischen Seite konnte er für Jonas Unterstützung erwarten. Denn die beiden Seiten benutzten Fälle wie Jonas lieber als Argumente, um sich gegenseitig bekämpfen zu können. Diese Löcher konnte er sogar durch das komplizierteste Muster hindurch erkennen. Oder war das System genau deshalb doch viel einfacher gestrickt, als er dachte?

Und plötzlich begann Jonas‘ Vater zu verstehen, warum sein Sohn durch die Maschen fiel. Es handelte sich weder um Laufmaschen im zu einfachen System, noch waren es Löcher im zu grossen Chaos. Nein, das war es nicht, es war viel logischer: Wenn sich nämlich die obersten Akteure mit Nadel und Faden in der Hand nicht einig werden konnten, nach welchem Muster sie stricken wollten, dann konnten die Übergänge zwischen ihnen natürlich nicht sauber gestrickt werden!

Und so entstanden über die Jahre und Jahre hinweg viel zu viele und zu grosse Übergangsmaschen im System, das mit der Zeit immer und immer unübersichtlicher wurde, so dass am Ende keiner mehr sagen konnte, bei welcher Masche alles angefangen und aufgehört hatte.

Worin sich aber alle stets einig waren, war, dass es sich um ganz tragische Fälle handelte, wenn ein Jugendlicher wie Jonas mit einem doch trotzdem über grosse Teile hindurch gleichmässig gestrickten System nicht aufgefangen werden konnte. Und daran konnte nun wirklich niemand die Schuld gegeben werden – denn für die Übergangsmaschen, für die war und ist schliesslich niemand zuständig!

Jonas

Jonas ist einer von vielen – und genau deshalb fühlt er sich allein.

Dies widerspricht sich nur auf den ersten Blick, denn sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind anders. Darin sind sie alle gleich und trotzdem gehören sie nirgends dazu. Diesen Widerspruch spürt Jonas jeden Tag. Innerlich und Äusserlich. Denn obwohl er sich so anders fühlt, wäre er eigentlich gerne so wie alle anderen. Doch je mehr er sich anstrengt, desto weniger funktioniert es.

Jonas ist einfach ein Jugendlicher.

Er lebt in der Schweiz. Genauer: Irgendwo auf dem Land, aber immer noch in Stadtnähe.

Das macht die ganze Sache nicht unbedingt einfacher.

Jonas. Das ist der Titel meiner geplanten Kurzgeschichtensammlung. Im Moment existieren zwar schon ein paar Texte, jedoch noch lange nicht alle. Wenn ihr die Texte lest, dann werdet ihr merken: Jonas ist nicht immer der gleiche Jugendliche, aber er ist immer ein Jugendlicher, auf den die obere Beschreibung passt.

Wenn ihr gerne mehr über Jonas erfahren würdet, findet ihr in meiner neuen Kategorie „Jonas“ die ersten zwei Texte.