Ein geschützter Raum

Nachdem mein Text letzte Woche in der Anthologie „An der Sonne“ des Vidal Verlags erschienen ist, darf ich ihn hier auch wieder veröffentlichen:

Sie steht auf dem Balkon ihrer Ferienwohnung und blickt zum Himmel, wo sich die ersten Wolken ansammeln, spürt, wie sich der warme Wind seinen Weg um ihren aufgeheizten und verschwitzten Körper bahnt und dabei über ihre feinen Härchen auf den Armen streift. Obwohl der Wind keine Abkühlung bringt, so bringt er doch eine kleine Linderung, indem er die stumme Nachricht des Kommenden mit sich trägt. Rauschend erzählt er von den Wolken und ihrer langen Reise, die sie müde und schlapp gemacht haben.

 

Von ihrem Platz an der Sonne aus beobachtet sie scheinbar unberührt die Wolken, die immer dichter und dunkler werden, schaut auf die Gräser und Bäume, die sich dem immer stärker tobenden Wind neigen, zuerst nur in eine Richtung, später in unvorhersehbarem Wechsel von allen Seiten. Sie wissen, dass es sich nicht lohnt Widerstand zu leisten, und geben sachte nach, in der Hoffnung, dass der Sturm Erbarmen hat und ihr Nachgeben als Schutz ausreicht. Sie selbst hingegen will bis zum letzten Moment ausharren und die Erfrischung mit offenen Armen willkommen heissen.

 

Mittlerweile hat sich die Luft abgekühlt und ist vom heissen Schwirren übergegangen in ein kühles Fliessen. Bald wird sie die aufgestaute Feuchtigkeit des ganzen Tages abstossen, bald wird die Last zu schwer werden, bald werden sich die Wolken auswinden wie ein nasser Waschlappen.

 

Der Himmel ist schwarz geworden und sie kann weit entfernt schon die ersten Blitze sehen, hört bereits das dumpfe Grummeln, das erzählt von dem, was kommen wird, und auch der Wind überbringt seine Nachricht immer drängender.

 

Noch sind die ersten Tropfen nicht da, bis dahin will sie noch warten, bis dahin stemmt sie sich gegen den Sturm, der nun keine Lust mehr hat, sich den Weg um ihren Körper zu bahnen, er will nun keine Rücksicht mehr nehmen auf sie, die sich nicht beugt, die trotzig stehenbleibt. Und während die Blitze immer näher kommen, sich das Grummeln in ein wütendes Donnern verwandelt und die Gräser und Bäume sich immer weiter beugen, fühlt sie endlich die grossen, warmen Tropfen. Die Vorboten des tobenden, prasselnden Gewitterregens.

 

Jetzt weiss sie, dass sie nur noch kurz ausharren kann und streckt ihr Gesicht gegen den Himmel, schliesst die Augen, spürt die Tropfen und den Wind, der mittlerweile kalt geworden ist und ihr die Haare um das Gesicht peitscht. Nun aber los, denkt sie, und gerade noch rechtzeitig streckt sie ihre Hand nach dem rettenden Türgriff aus, huscht ins Innere und schafft es nur noch unter grosser Anstrengung, die Tür gegen den Widerstand des Sturmes zu schliessen.

 

Schon vorher hatte sie sich ein Handtuch bereit gelegt, mit dem sie sich jetzt das Gesicht abwischt und durch die Haare rubbelt. Wie erfrischt sie sich jetzt fühlt! Die ganze Hitze und ihre Müdigkeit haben sich von ihr gelöst, der Sturm hat alles mitgenommen, mit hinauf zu den Wolken, wo sich nun alles entlädt im Gewitterregen. Dem Regen, der jetzt zusammen mit dem Sturm wütet und gegen ihre Balkonverglasung schlägt, als ob er ihr folgen möchte, weil er es nicht akzeptieren kann, dass sie ihm entronnen ist.

 

Sie hingegen wusste von Anfang an, dass sie sich nicht beugen muss. Sie wusste von der Fluchtmöglichkeit in ihren geschützten Raum, wo ihr der Sturm nichts anhaben kann, obwohl sie immer noch mittendrin steht. Zufrieden blickt sie jetzt hinaus, beobachtet das Treiben des Gewitters, lauscht dem langsam ruhiger werdenden Prasseln des Regens gegen das Glas und fühlt sich so lebendig wie schon lange nicht mehr.

Im Streit

Ich habe solche Angst

dich zu verlieren

deshalb verliere ich

lieber mich selbst

im Streit

Ich habe solche Angst

verletzt zu werden

deshalb verletze ich

lieber dich

im Streit

Ich habe solche Angst

richtig zu lieben

deshalb liebe ich

vor allem mich selbst

im Streit

Und ich habe solche Angst

zu streiten

weil ich dich verliere

weil ich dich verletze

und weil ich dich doch liebe

Unmenschlich

Eine Träne fällt in’s Waschbecken und mischt sich unter den Wasserstrahl. Ihr ist schwer um’s Herz. Sehr schwer, um genau zu sein. Sie beisst die Zähne zusammen. „Funktionieren! Los, jetzt Zähneputzen und dann los, du bist viel zu spät dran, du musst funktionieren!“, schreit es in ihr.

Oder kam die Stimme nicht eher von irgendwo weit aus der Ferne?

Sie blickt auf und sieht sich im Spiegel. Da ist es, ihr Gesicht. „Los, sieh dich an!“. Sie schaut diesmal genau hin, sieht in ihre Augen, sieht in ihre Seele, weit hinein, tief und tiefer. Irgendwo muss er doch sein, der letzte Funke. Doch da ist nichts, kein Gefühl mehr. Sie ist taub, überall. Wie ein Diamant, denkt sie. Ein ganz seltener, einsamer Diamant.

Sie wünscht sich, sie hätte wirklich eine glatte, glitzernde Oberfläche. Unmenschlich und hart. Dann würde es ihr vielleicht nichts mehr ausmachen, dass jeder, der ihr zu nahe kommt, plötzlich erschrocken zurückweicht. Dann würde es möglicherweise an ihr abprallen, dass da keine Berührungspunkte mehr sind zwischen ihr und der Welt.

Sie hält ihre Hände unter den Wasserstrahl. Eiskalt ist er, genau das, was sie jetzt braucht. Die Kälte fühlt sich gut an, hoffentlich hilft sie gegen die geschwollenen Augen. So kann sie nicht unter die Leute. „Du musst!“, schreit es aus der Ferne.

Oder war die Stimme nicht eher irgendwo tief in ihr?