Im Streit

Ich habe solche Angst

dich zu verlieren

deshalb verliere ich

lieber mich selbst

im Streit

Ich habe solche Angst

verletzt zu werden

deshalb verletze ich

lieber dich

im Streit

Ich habe solche Angst

richtig zu lieben

deshalb liebe ich

vor allem mich selbst

im Streit

Und ich habe solche Angst

zu streiten

weil ich dich verliere

weil ich dich verletze

und weil ich dich doch liebe

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Unmenschlich

Eine Träne fällt in’s Waschbecken und mischt sich unter den Wasserstrahl. Ihr ist schwer um’s Herz. Sehr schwer, um genau zu sein. Sie beisst die Zähne zusammen. „Funktionieren! Los, jetzt Zähneputzen und dann los, du bist viel zu spät dran, du musst funktionieren!“, schreit es in ihr.

Oder kam die Stimme nicht eher von irgendwo weit aus der Ferne?

Sie blickt auf und sieht sich im Spiegel. Da ist es, ihr Gesicht. „Los, sieh dich an!“. Sie schaut diesmal genau hin, sieht in ihre Augen, sieht in ihre Seele, weit hinein, tief und tiefer. Irgendwo muss er doch sein, der letzte Funke. Doch da ist nichts, kein Gefühl mehr. Sie ist taub, überall. Wie ein Diamant, denkt sie. Ein ganz seltener, einsamer Diamant.

Sie wünscht sich, sie hätte wirklich eine glatte, glitzernde Oberfläche. Unmenschlich und hart. Dann würde es ihr vielleicht nichts mehr ausmachen, dass jeder, der ihr zu nahe kommt, plötzlich erschrocken zurückweicht. Dann würde es möglicherweise an ihr abprallen, dass da keine Berührungspunkte mehr sind zwischen ihr und der Welt.

Sie hält ihre Hände unter den Wasserstrahl. Eiskalt ist er, genau das, was sie jetzt braucht. Die Kälte fühlt sich gut an, hoffentlich hilft sie gegen die geschwollenen Augen. So kann sie nicht unter die Leute. „Du musst!“, schreit es aus der Ferne.

Oder war die Stimme nicht eher irgendwo tief in ihr?

Wenn die Liebe ein Kuchen wäre…

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… dann würden sich auch die besten Bäcker

schmerzhaft die Zähne daran ausbeissen,

weil er einfach nicht gelingen will,

egal welche Zutaten sie hinzufügen

zum Grundrezept von zwei Menschen,

bei denen die Chemie stimmt.

Denn es gibt nur ganz wenige, die wissen,

dass der Schmerz, den die Liebe verursacht,

auch genau der Schmerz ist,

den nur die Liebe besiegen kann,

wenn man eine einzige Zutat weglässt:

die Angst zu Versagen.

Beim Backen der Liebe

und im Leben.

Kennenlernen Teil 3

Wie wenn du

(wie ein Jäger)

geduldig gelauert

und gewartet hättest,

bis ich die schwere Tür

trotz aller Vorsicht

endlich

ein bisschen weiter öffne,

damit dein Geschoss

durch die Öffnung passt

und mich mitten hinein treffen kann

in mein Herz.

Und wie wenn ich

(wie ein scheues Reh)

mich ängstlich versteckt

und gewartet hätte,

bis ich mich

trotz aller Vorsicht

endlich

aus der Öffnung wage,

nur ein bisschen zu weit,

und dabei gnadenlos

von deinem Geschoss

verwundet werde.

Wie oft sich das wohl

wiederholen muss,

bis wir beide uns

irgendwann

auf dem offenen Feld

begegnen können?

Begegnen –

ganz ohne Schutz

und ohne Waffe

sondern einfach nur wir

mit zwei mutigen,

weit geöffneten Herzen.

Ihre Tür steht immer offen

Gespannt wartet Anna darauf, dass etwas passiert. Sie wartet schon so lange, dass sie anfängt, in ihrem Haus herumzutigern, weil sie es nicht mehr schafft, einfach nur untätig herumzusitzen. Fieberhaft überlegt sie, warum er nicht einfach zu ihr hereinkommt. Sie hat ihre Tür doch schon so lange für ihn geöffnet.

Und so setzt Anna sich auch heute wie jeden Tag ans Fenster, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen und zu erkennen, ob er sich nun endlich dazu entschlossen hat, den ersten Schritt durch die Tür zu machen.

Erst gestern stand er einfach nur da und hat nichts gemacht. Nichts. Dabei muss er doch sehen, dass die Tür offen steht. Er sieht schliesslich auch, dass sie da am Fenster sitzt und ihm zuwinkt, denkt Anna. Er muss es ja sehen, denn jedes Mal winkt er grinsend zurück. Und trotzdem kommt er einfach nicht herein.

Jeden Tag auf‘s Neue, wenn sie hinaussieht, hat Anna die Hoffnung, dass er wenigstens ein bisschen näher gekommen ist. Doch meistens wird ihre Hoffnung enttäuscht. Es kann sogar sein, dass er gar nicht da ist oder sie ihn nur noch von ganz weit weg erkennen kann. Manchmal steht er zwar nahe bei ihr, hat ihr aber den Rücken zugewandt oder läuft schon wieder weg. Sie versteht das einfach nicht.

Trotzdem klammert Anna sich an das Wissen, dass er irgendwo da draussen ist. Versteht er denn nicht, was das bedeutet? Dass sie ihre Tür Tag und Nacht für ihn geöffnet hat, obwohl sie doch so wahnsinnige Angst vor einem Einbrecher hat? Es kostet Anna wirklich viel Kraft, die Tür offen zu lassen. Aber weil sie weiss, dass er da ist, denkt Anna sich, egal wie lange es dauert, irgendwann wird er zu ihr hereinkommen und dann wird alles gut. Und bis dahin steht ihre Tür immer für ihn offen.

Was Anna aber nicht weiss: Er sieht nicht, dass sie in ihrem Glashaus sitzt und auf ihn wartet. Er sieht nicht, dass ihre Tür für ihn offen steht. Er sieht nur, dass sie nicht auf ihn zukommt, obwohl er sich doch immer wieder in ihrer Nähe aufhält. Er weiss sogar, dass Anna ihn sieht, denn sie winkt ihm ja immer wieder zu. Er versteht das einfach nicht.

Die Angst

Es heisst:

Sie sei

ein schlechter Ratgeber.

Dabei wird vergessen:

Sie will

keine Ratschläge geben,

weil es nicht reicht,

sie zu verdrängen

und blind

den Ratschlägen anderer

zu folgen.

Es heisst:

Man solle

ihr ins Gesicht blicken.

Dabei wird vergessen:

Sie will

nicht nur gesehen werden,

weil es nicht reicht,

sie anzusehen

und blind

über ihre Warnung

hinwegzusehen.

Es stimmt:

Sie ist zwar

ein schlechter Ratgeber,

aber sie ist

eine gute Warnung.

Davor,

was passiert,

wenn man sie

nicht ernst nimmt

und deshalb

blind bleibt

für seine Träume

die man

aus Angst

nie verwirklicht.