Vom Starten und Landen

Jeden Tag sass er da und blickte sehnsüchtig den startenden Flugzeugen nach. Von dem kleinen Dreckhügel aus konnte er alles beobachten, und mittlerweile kannte er jeden Handgriff, der vor dem Start nötig war. Wenn er so da sass, waren alle seine Sinne geschärft, er nahm alles auf und speicherte jedes Detail. Wie wunderbar sich so ein Flugzeug anhörte. Ja, er liebte den Klang der Triebwerke. Wenn sie angelassen wurden, machte sein Herz jedes Mal einen Sprung. Mit seinem ganzen Körper konnte er die Energie spüren und sog sie in sich auf. Wie gerne sässe er selbst in einem der Flugzeuge. Von seinem Hügel aus hatte er das Gefühl, sie waren nur eine Armlänge von ihm entfernt. Eine Handbewegung, und er könnte nach dem Flugzeug greifen. Es fühlte sich fast so an, als wäre die Freiheit zum Greifen nah. Bei jedem Start stellte er sich vor, wie es an einem anderen Ort wäre. Zum Beispiel an einem Ort, wo die Kinder in die Schule gehen und Fussball spielen konnten. Wie es sich wohl anfühlte, mit einem richtigen Ball auf grünem Gras spielen zu können? Bei dem Gedanken griffen seine Hände in den Dreck unter ihm und ballten sich zu einer Faust. Dabei grub sich die Erde unter seine Fingernägel, bis es wehtat. Das war ihm jetzt gerade recht. Der körperliche Schmerz verdrängte wenigstens seine mittlerweile zu gross gewordene Sehnsucht für einen kurzen Moment. Er wusste, dass es nun an der Zeit war, um wieder nach Hause zu gehen. Er hatte für heute genug Flugzeuge starten gesehen. Mit jedem Flugzeug hatte er einen seiner Wünsche mitgeschickt, so lange, bis keine mehr übrig waren. Bis seine Träume nicht mehr abhoben, sondern auf dem Boden der Tatsachen landeten. Er sah auf seine dreckigen kleinen Hände, an denen die rote, lehmige Erde klebte. Sie war das einzige, was für ihn wirklich greifbar war. Die Freiheit hingegen, die war wieder unendlich weit weg gerückt. Er stand auf, wischte sich die Hände kurz an seinen schmutzigen Hosen ab und machte sich auf den Weg. Ohne sich noch einmal umzublicken, lief er davon. Er wusste ja, dass er morgen wieder da sein würde – noch bevor sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten, aber die Farbe des Himmels schon erkennen liess, dass ein neuer Tag begann.

Advertisements

7 Kommentare zu “Vom Starten und Landen

  1. Erinnert mich irgendwie an Reinhard Meys „Über den Wolken“ 🙂

  2. Eine wunderschöne Geschichte, die zum nachdenken anregt. Vielen Dank, dass ich sie lesen durfte 😉 Deine Seite hast du dir auch ganz toll gestaltet……… gefällt mir ausnehmend gut! Wenn ich darf, komme ich gerne wieder und folge dir von nun an 😉 liebe Grüße Heike

    • jblank8 sagt:

      Liebe Heike, vielen Dank, das ist aber lieb! Ich freue mich natürlich sehr, wenn du wiederkommst und mir folgst 🙂 Ich gebe mir bei der Gestaltung der Seite grosse Mühe, weil ich gerne hätte, dass das Optische den Inhalt unterstützt, wie schön, dass dir das aufgefallen ist. Darüber freue ich mich riesig! 🙂 Schaue sehr gerne auch mal genauer bei dir vorbei, sobald ich Zeit finde! Liebe Grüsse, Jeanette

  3. Liebe Jeanette 😉 , für die passende Optik zum inhaltlichen deiner Aussagen………..hast du dir von mir schon 100 Sternpunkte eingeholt *lächel* ………… die tollen Farben laden wirklich zum eintauchen und träumen ein ❤ Vielen lieben Dank für dein "ich folge dir" auch bei meiner Seite 😉 Wünsche dir viel Spaß beim lesen, wenn du dann die Zeit findest 😉 liebe Grüße Heike

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s