Aus dem Rhythmus gefallen

Müde und benommen von der durchträumten Nacht sitzt sie mit ihrem Kaffee am Frühstückstisch und fühlt sich total verloren. Irgendwie stecken ihr die Träume noch in den Knochen. Sie fühlt sich schwer und es wird eine ganze Weile dauern, bis ihre Knochen alle Traumbilder absorbiert haben und bereit sind, sich ihrer eigentlichen Bestimmung zu stellen und sie durch den Tag zu tragen. Einige Bilder sind noch da und doch schon weg, sie sind noch nicht ganz in den Knochen angekommen und blitzen wieder auf, aber in eine chronologische Reihenfolge lassen sie sich nicht mehr bringen. Oder waren sie gar nie chronologisch? Sie weiss es nicht. Über alles ist ein Schleier gehüllt, sowohl über ihre Träume wie auch über die Dinge um sie herum. Sie fühlt sich benebelt, hat Mühe, sich zurechtzufinden. Alles kommt ihr so unwirklich vor, sogar die Zeit, der sie morgens immer hinterherhinkt. Das waren doch nur fünf Minuten, wieso ist schon eine Stunde vergangen? Sie ist noch nicht bereit. Wie soll sie denn heute nur alles schaffen? Wie den Menschen begegnen, wie mit ihnen sprechen, wie alle Aufgaben erledigen? Wie soll das gehen, wenn sie sich so fehl am Platz fühlt in der Welt? Auch das weiss sie nicht, und auch nicht, wie es dann doch passiert, dass sie irgendwann dasteht, bereit, aus der Tür zu treten und die Welt zu begrüssen. Auch wenn es manchmal Stunden dauert, aber an den allermeisten Tagen schafft sie es, den Weg vom Traum zurück ins Leben zu finden. Und in ihrem Leben gibt es dann nur noch den einen grossen Traum, der sie durch den Tag begleitet, bis sie abends ins Bett fällt und sich jedes Mal aufs Neue vornimmt, dass ab morgen alles anders wird: Sie träumt davon, wie es wäre, wenn sie einfach leicht und voller Tatendrang aufstehen könnte. Wie es wäre, endlich problemlos in den Rhythmus der Gesellschaft zu passen und von Anfang an den Platz darin zu finden. Ja, leichter wäre dann alles. Zumindest vieles. Aber auch besser?

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